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Was hierzulande ‚Teezeremonie’ heißt, trägt in seinem Ursprungsland einen
viel bescheideneren Namen, nämlich chadô (auch: sadô) -
茶道
(‚Teeweg’), oder
chanoyu (‚heißes Wasser für den Tee’).
In das komplexe Gebilde Teeweg sind dabei ganz unterschiedliche Einflüsse
eingegangen:
Allen voran muss hier der Zen-Buddhismus erwähnt werden, aber
es finden sich auch Elemente des Konfuzianismus, Shintoismus und I Ging
wieder. Alles zusammen ist zu einem Kunstwerk verschmolzen, das immer
wieder, im Hier und Jetzt jeder einmaligen Teezusammenkunft, neu
erschaffen werden muss, und zwar von allen Beteiligten, Gastgeber und
Gästen, gemeinsam.
Gut vier Stunden dauert eine formelle Teezusammenkunft, bei der Gastgeber
und Gäste gemeinsam eine Atmosphäre der Harmonie, des Respekts, der
Reinheit und der Stille erschaffen, wie es der Teemeister Sen no Rikyû,
gefordert hat: |
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Harmonie (wa)
betrifft das Miteinander der an der Zeremonie beteiligten Menschen,
die Zusammenstellung der Teegeräte sowie den Einklang mit der Natur,
vertreten durch das Blumengesteck;
Respekt (kei)
meint die gegenseitige Achtung von Gastgeber und Gästen, sowie eine für
uns Europäer beinahe befremdliche Wertschätzung der im Teeraum
versammelten Gegenstände: der Teeschale, der Teedose, der Wassergefäße
etc.;
Reinheit (sei)
ist geradezu das zentrale Element der Zeremonie, bei dem es nicht nur um
die äußere Sauberkeit des Teehauses, des Teegartens und der zu benutzenden
Gerätschaften geht, sondern vor allem um eine innere, eine spirituelle
Reinigung des Geistes;
Stille
(jaku) bedeutet das gemeinsame Erlebnis des Zur-Ruhe-Kommens, bei
dem die Beteiligten nicht mehr von störenden Gedanken aus der Alltagswelt
in Anspruch genommen werden.
Tee als WEG
Mit diesen vier Leitbegriffen hat Sen no Rikyû für den Teeweg einen sehr
hohen Anspruch geltend gemacht. Was auf diese Weise angestrebt wird, ist
aber kein Ziel, das es in bewusster Bemühung zu erreichen gilt. Ein
Ziel in diesem Sinne kennt der Teeweg nicht: Man bereitet lediglich Tee,
den die Gäste trinken - sonst nichts! Aber gerade darin liegt auch
die Möglichkeit, diese Kunstform als einen WEG zu beschreiten. Denn dort,
wo man aufhört, sich bewusst Ziele zu setzten und alle Kraft darauf zu
verwenden, das Ziel auch tatsächlich zu erreichen, wo man sich stattdessen
ganz einfach dem scheinbar sinnlosen und doch kunstvollen Ablauf
überlässt, bahnt sich eine Transformation des Ausübenden an, die ihn zu
größerer Gelassenheit und Freiheit führt, auch außerhalb des Teehauses.
Für denjenigen, der sich auf den Weg des Tees begibt, gehen dem viele
Jahre des Übens voraus, in denen er nicht nur die Regeln für eine formale
Durchführung der vielen unterschiedlichen Zeremonien lernt, sondern auch
jeden einzelnen Handgriff bis ins kleinste Detail immer und immer wieder
einübt. Letztendlich gilt es dabei, sich so sehr in das eigene Tun zu
versenken, dass keine störenden Gedanken mehr auftauchen. Die Frage: „Was
kommt denn jetzt als nächstes?“ stellt sich dann nicht mehr. Ohne jedes
Nachdenken darüber weiß man ganz von selbst, welche Bewegung als nächstes
folgt. Der Teeweg ist daher ein Weg, den man vor allem mit dem Körper
beschreitet.
Besonders charakteristisch für den Teeweg ist das dichte Geflecht
aus Regeln, die der Ausübende zu befolgen hat. Wer sich jedoch
eingeengt fühlt, wenn er dem Ritual folgt, der beherrscht es noch nicht
richtig. Erst dann, wenn man alle Regeln vollständig verinnerlicht hat,
gelingt es, dem vorgeschriebenen Ablauf keinen eigenen Willen mehr
entgegenzusetzen. Wenn man dann ganz natürlich ausatmet, und die Luft wie
von selbst wieder einströmt, kann man sich von allen unnötigen Gedanken
trennen – und welche Gedanken wären das nicht? So selbstverständlich
wie der Atem fließt, fließen auch die Bewegungen. An diesem Punkt gibt es
keine Regeln mehr, die man einhalten muss; das gesamte Bewusstsein, unser
Körper, unsere Bewegungen werden zu dem Ritual, das sich nun von selbst
vollzieht, und wir fühlen einen Strom von Freiheit. Zu Recht hat Sen no Rikyû deshalb den Teeweg als Verwirklichung des ‚Reinen Landes’ des Buddha
Amitâbha (jap.: Amida) angesehen, nicht an irgendeinem fernen Ort und zu
anderer, erst zukünftiger Zeit, sondern gerade hier und jetzt.
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