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Lin-ji Lu oder Die seltsame Wandlung des Lin-ji Yi-Xuan I

 „[Ich,] der Mönch vom Berge [hier, habe] keinen einzigen Dharma, [den ich] den Menschen geben [könnte]; es ist nur so, [dass ich] Krankheiten heile [und] Fesseln löse.“

 

Selbstverständlich hat der historische Lin-ji Yi-xuan (gest. 866), anders als sein Alter Ego im Lin-ji Lu von 1120 von sich selbst aussagt, sehr wohl einen Dharma, eine Lehre sein Eigen genannt. Denn was sollte beispielshalber die Behauptung von dem einen „wahren Menschen“, der da während der Lehrvorträge Lin-jis in Gestalt der versammelten Mönche „vor mir steht, durch Eure Sinne ein- und ausgeht“ und genau das versteht, was die Mönche eben nicht verstehen – was sollte diese Behauptung anderes sein als ein vermutlich sogar wesentlicher Bestandteil des Dharma, den Lin-ji seinen Mönchen verkündet hat?

 

Den historischen Lin-ji stellt das Lin-ji Lu eindeutig als Schüler und Dharma-Nachfolger Huang-bos dar; obendrein hat seine Lebenszeit die seines Lehrers nur um 16 Jahre überschritten. Ist es da denkbar, dass sich von den Lehren Huang-bos in den Äußerungen Lin-jis, soweit sie von seinen unmittelbaren Schülern schriftlich festgehalten worden sind, keine Spuren erhalten haben oder dass sich gar Lin-ji so weit von Huang-bo entfernt, sich so radikal von ihm abgewandt hat, dass der Dharma seines Lehrers in seinen Augen keinerlei Gnade mehr gefunden hat? Beide Fragen – ohnehin rein rhetorischer Natur – lassen sich mit einem eindeutigen Nein beantworten.

 

Andererseits ist das Lin-ji Lu, so wie wir es heute in seiner Endfassung lesen, erst 250 Jahre nach dem Tode dessen entstanden, dessen Lehrreden und Aussprüche da angeblich versammelt sind. Sollten diese 250 Jahre ihrerseits spurlos am Inhalt des Lin-ji Lu vorübergegangen sein? Ist das Lin-ji Lu tatsächlich das, als was es sich ausgibt: ein Gebilde aus einem Guss, das die Lehre seines Tang-zeitlichen "Helden" historisch getreu wiedergibt? Oder haben sich in einen ursprünglich Tang-zeitlichen Text Elemente des Song-zeitlichen Chan eingeschlichen oder ihn gar in etwas anderes verwandelt, als er ursprünglich gewesen ist? Gibt es also Brüche inhaltlicher Art innerhalb des Lin-ji Lu? Oder sind sogar Tang-zeitliches und Song-zeitliches Chan in ihm scheinbar unauflöslich ineinander verschlungen? Um das im Einzelnen zu überprüfen, soll der Text der Endfassung von 1120 zum einen auf Huang-bo-Reminiszenzen und zum anderen, ja vor allem auf Anzeichen eines Song-zeitlich gewandelten Lin-ji hin untersucht werden.

 

- Dietrich Roloff -