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Lin-ji Lu oder Die seltsame Wandlung des Lin-ji Yi-xuan II

Machen wir uns von vornherein klar, dass wir mit dem Lin-ji Lu ein Produkt der Song-Zeit vor uns haben, genauer gesagt, der Zeit der Nördlichen Song-Dynastie (960 - 1126) – eine Monographie, die gleichwohl vorgibt, die Lehren und Aussprüche eines Chan-Meisters der Tang-Zeit (618 -906) authentisch wiederzugeben. (In der Tat muss es eine solche tatsächlich authentische Wiedergabe einmal gegeben haben, und zwar zusammengestellt von Lin-jis unmittelbarem Nachfolger San-sheng Hui-ran, der damit sozusagen eine Urfassung des Lin-ji Lu geschaffen hat, die jedoch komplett verloren gegangen ist.) Das Lin-ji Lu von 1120 hingegen, das mit seinem uns erhaltenen Vorläufer, der Lin-ji-Darstellung des gleichfalls Song-zeitlichen Tian-sheng Guang-deng-lu von 1029, inhaltlich identisch ist, spiegelt die besondere Bedeutung wieder, die das „Haus Lin-ji“ im China des 12. Jahrhunderts mittlerweile bis hinauf zum Kaiserhof erlangt hat: Ist schon das Tian-sheng Guang-deng-lu von einem Mitglied des Kaiserhauses persönlich zusammengestellt und von einem Kaiser höchstselbst mit einem Vorwort versehen worden, so zeigt das Lin-ji Lu mit seiner Umstellung des Xing-lu-Teiles, der „Lehr und Wanderjahre“ eines Chan-Meisters, die üblicherweise zwecks Herleitung von Legitimation durch Einfügung in eine anerkannte Traditionslinie wie »Ma-zu – Baizhang – Huang-bo – Lin-ji« den Anfang einer Meister-Monographie bilden, an den Schluss des Lin-ji Lu, dass die Autorität eines Lin-ji im Jahr 1120 derart unangefochten war, dass eine Legitimation durch Anschluss an bedeutende Vorgänger nicht mehr erforderlich war. (Ich folge mit diesen Aussagen der Darstellung Albert Welters in seinem 2008 erschienenen Buch The Linji Lu and the Creation of Chan Orthodoxy. The Development of Chan‘s Records of Sayings Literature – einer Darstellung, auf die ich auch im Folgenden immer wieder zurückgreifen werde. Bei meinen Zitaten aus dem Lin-ji Lu beziehe ich mich hingegen auf The Record of Linji, translation and commentary by Ruth Fuller Sasaki, edited by Thomas Yuho Kirchner aus dem Jahr 2009.)

 

Beginnen wir also mit Lin-jis „wahrem Menschen ohne Status“ (wu-wei zhen ren), von dem es gleich zu Beginn des Lin-ji Lu heißt (Lehrreden III, S. 129): In dem roten Klumpen Eures Fleisches steckt ein (und nur ein) wahrer Mensch ohne Status, der durch die Tore Euer aller Gesichter ein- und ausgeht! Ist es zu weit hergeholt, in diesem einen wahren Menschen den einen Geist zu vermuten, der laut Huang-bo das wahre oder Buddha-Wesen aller Dinge, namentlich der geistbegabten, darstellt? Dieser eine Geist am Grund der Welt ist zugleich der individuelle Geist eines jeden von uns, anders gesagt, dasjenige, was jede einzelne Geistesregung in jedem einzelnen Menschen überhaupt erst ermöglicht. Um zu diesem einen Geist, der letztlich Nicht-Geist ist, in uns selbst vorzudringen, müssen wir laut Huang-bo lediglich aufhören zu denken und damit auch selbst zu Nicht-Geist werden. Huang-bo nennt das den einen Sprung in das Land des Tathâgata.

 

Und in der Tat findet sich in den Vorläufern des Lin-ji Lu, im Zong-jing-lu von 961 sowie im Jing-de Chuan-deng-lu von 1004, folgender Eintrag (ich zitiere Welters Übersetzung, S. 133f.): „Therefore, I, a mountain monk, tell you clearly: within the body-field of the five skandhas there is a true man with no-rank, always present, not even a hair’s breadth away. Why don‘t you recognize him? This thing called mind has no form; it pervades the ten directions. In the eye we call it sight; in the ear we call it hearing; in the hand it grasps; in the feet it rushes along. If mind does not exist, wherever you are, you are liberated.“ Wichtig ist besonders der letzte Satz, der auf Chinesisch lautet: xin ruo bu zai sui-chu jie-tuo, und mit seinem xin bu zai besagt: „Wenn es kein Denken [mehr] gibt, [bist du], wo auch immer [du dich befindest], befreit!“ Das entspricht genau der Parole Huang-bos, dass wir allein dadurch, dass wir nicht mehr denken, zu Nicht-Geist, zu dem einen Nicht-Geist am Grund der Welt werden und dort einen „geheimnisvollen Frieden“ sowie das „Glück und Wohlergehen“ der Befreiung erfahren. Einen deutlicheren Beleg dafür, dass der historische Lin-ji in die Fußstapfen seines Lehrers Huang-bo getreten ist und mit seinem „wahren Menschen ohne Status“, der obendrein „alle zehn Richtungen“, also das gesamte Universum durchdringt, lediglich dessen Lehre vom einen Geist metaphorisch umschrieben hat, kann es nicht geben! – Diese offenkundige Anlehnung an Huang-bo findet im Lin-ji Lu ihre eindeutige Bestätigung; dort heißt es nämlich (Lehrreden III, S. 165): „[Die Ihr] dem Fließen des DAO [folgt], das Ding [mit dem Namen] Geist ist ohne Form und durchdringt die Zehn Richtungen [des Universums]. In den Augen heißt [sein Wirken] Sehen, in den Ohren Hören, in der Nase Riechen, beim Mund Sprechen, bei den Händen Ergreifen und bei den Füßen Laufen. … [wenn] es dann den einen Geist nicht [mehr] gibt, [bist du], wo auch immer [du dich befindest], befreit!“ Dass dabei nicht das Denken, sondern der eine Geist negiert wird, entspricht gleichfalls der Lehre Huang-bos, insofern ja die verheißene Befreiung erst durch Ankunft im Nicht-Geist eintritt.

 

Zurück zum Abschnitt Lehrreden III, S. 129; was sich an das einleitende Zitat anschließt, ist das genaue Gegenteil zu solcher Anlehnung an Huang-bo und damit Song-zeitlicher Zusatz: Wie üblich nach Lehrreden eines Meisters tritt einer der anwesenden Mönche vor und stellt dem Meister eine Frage: Ru-he shi wu-wei zhen ren, „Was hat es auf sich mit dem wahren Menschen ohne Status?“, woraufhin der Lin-ji des Lin-ji Lu entgegnet: Wu-wei zhen ren shi shen-me gan shi-jue, „Der wahre Mensch ohne Status – was für ein eingetrockneter Kotspatel!“ Das ist – man kann es drehen, wie man will – mehr als nur eine Zurückweisung des Mönchs, ähnlich einem plötzlichen Schlag, wie er in der Hong-zhou-Schule seit Ma-zu üblich gewesen sein soll; das ist eine eklatante Abwertung, wenn nicht gar ein Widerruf des „wahren Menschen ohne Status“! Noch im Zu-tang-ji von 952, einem weiteren Vorläufer des Lin-ji Lu, hat es noch geheißen (abermals zitiert nach Welter, S. 134): Wu-wei zhen ren shi shen-me bu jing zhi wu, „Der wahre Mensch ohne Status – was für ein unreines Ding (unreines Etwas)!“ Das ist jedoch weder eine Ohrfeige für den Mönch noch eine Abwertung des zhen ren: Wenn dieser „wahre Mensch“ am Grund der Welt als einer „ohne Status“ definiert wird, dann besagt das lediglich, dass er – metaphorisch gesprochen – unterhalb aller gesellschaftlichen Schichtung angesiedelt ist, ähnlich den Unberührbaren im indischen Kastensystem oder den Burakumin im feudalen Japan. Den „wahren Menschen“ so verstanden, ist seine Kennzeichnung als ein „unreines Etwas“ nur eine Umschreibung dessen, dass er „ganz unten“ steht, gleichsam unter allem, und dementsprechend, wie die Unberührbaren Indiens, in Schmutz und Elend lebt und, wie im feudalen Japan die Burakumin, für alle schmutzigen Arbeiten zuständig ist. Auf den „wahren Menschen“ übertragen, entsprechen sein Unten-Sein und seine Unreinheit uralten daoistischen Vorstellungen von Überlegenheit und Einfluss, etwa dem Axiom, dass „das Tal nur deshalb der König aller Flüsse sein kann, weil es ganz unten ist“ oder dass „der Weise nur dadurch das Volk auf den rechten Weg führen kann, dass er allen Schmutz auf sich nimmt“!

 

Mit der Kennzeichnung bu jing zhi wu verweist der Lin-ji des Zu-tang-ji also bloß auf einen zusätzlichen Aspekt seines „wahren Menschen“ am Grund der Welt hin, wertet diesen jedoch in keiner Weise ab oder verwirft ihn gar. Ganz anders steht es mit der Formel gan shi-jue des Lin-ji Lu von 1120 oder auch schon des Guang-deng-lu von 1029: „Ein eingetrockneter Kotspatel“ – das ist eine eindeutige Abwertung, etwa in der Art: „Der wahre Mensch ohne Status – das ist nur ein Stück ekelerregenden Schmutzes! Besser, du lässt die Hände davon!“ Und wenn gar als: „Am besten, du wendest dich für immer von ihm ab!“ formuliert, läuft es darauf hinaus, den „wahren Menschen“ sogar ganz zu verwerfen! Damit widerriefe der Lin-ji des Lin-ji Lu in Übereinstimmung mit späteren Selbstaussagen eben das, was für den historischen Lin-ji das Wichtigste gewesen sein muss: seine metaphysische Grundannahme eines verlässlichen und uns allem Übel enthebenden wahren Wesens aller Dinge, einschließlich unserer selbst.

 

- Dietrich Roloff -