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Lin-ji Lu oder Die seltsame Wandlung des Lin-ji Yi-xuan IV

Da ist der historische Lin-ji eben noch nicht müde geworden, uns zu versichern, dass unser individueller Geist und der Ursprungs-Buddha nicht voneinander verschieden sind (yu zu-fo bu bie); da hat er mit Enthusiasmus davon gesprochen, dass wir in der Welt endlos unterwegs sein können, ohne dabei unsere Heimat, den Ursprungs-Buddha als Grund der Welt, zu verlassen (lun-jie zai tu zhong, bu li jia-she) – und schon tritt uns unvermittelt ein anderer Lin-ji entgegen: 

  • Einer, der erklärt: „Was mich betrifft, so habe ich keinen Dharma, keine Lehre, die ich anderen Menschen weitergeben könnte“ (shan seng wu yi fa yu ren: Lehrreden XVIII, S. 237), und das, obwohl im selben Lin-ji Lu zuvor noch wiederholt von dem einen Geist als alleinigem Dharma die Rede gewesen ist. Und weiter: „Es ist nur so, dass ich ausschließlich Krankheiten heile und Fesseln löse“ (qi shi zhi bing jie fu: ebd.) – also auch die Fesseln, mit denen wir uns selbst an einen Buddha oder Geist als Grund der Welt und unser wahres Wesen binden!
  • Ein Lin-ji, der dazu auffordert, „jedesmal, wenn wir, sei’s im Inneren, sei’s im Äußeren, einem/dem Buddha begegnen, den Buddha zu töten; wenn wir einem Patriarchen oder Lohan/Arhat begegnen, den Patriarchen oder Lohan/Arhat zu töten“ (xiang li xiang wai, feng-zhu bian sha: feng fo sha fo, feng zu sha zu, feng luo-han sha luo-han: ebd., S. 236); ein Lin-ji, der auch jeden anderen in diese Blutorgie einbezieht, der – zumindest nach den Grundzügen konfuzianischer Ethik – Anspruch darauf erheben kann, als Autorität Gehorsam zu verlangen: Vater, Mutter, nahe Verwandte: „Erst dann hast du Befreiung erlangt“ (shi de jie-tuo: ebd.).
  • der der uns belehrt: „Macht nicht Buddha zu etwas Letztem und Höchstem; wie ich es sehe, ist er nur wie eine (stinkende) Kotgrube; Bodhisattva und Lohan/Arhat – sie sind gänzlich nur hölzerne Halskragen mit Schloss, Dinge um Menschen zu fesseln“ (mo jiang fo wei jiu-yi; wo jian you-ru si-kong; pu-sa luo-han, jin shi jia-suo, fu ren di wu: ebd., S. 279)
  • Oder der verfügt: „Innerhalb der Welt und außerhalb der Welt gibt es keinen Buddha, keinen Dharma; … gesetzt den Fall, es gäbe derlei, wären das alles nur Namen, Worte und schöne Redewendungen, um kleine Kinder zu verführen“ (shi yu chu shi wu fo wu fa; … she you zhe, jie shi ming yan zhang ju, jie-yin xiao er: ebd., XXI, S. 273).

Dieser andere Lin-ji, das ist auch der Lin-ji, der von sich selbst sagt: „Nach außen hin anerkenne ich kein ›gewöhnlich‹ und kein ›heilig‹, und nach innen wohne ich nicht in einem Ursprung (einem Grund der Welt)“ (wai bu qu fan sheng, nei bu zhu gen-ben: ebd., S. 184) – eine Aussage, die in augenfälligem Widerspruch steht zu der oben zitierten emphatischen Feststellung, dass es möglich sei – und wer, wenn nicht Lin-ji selbst, sollte das aus Erfahrung sagen können – „endlos unterwegs zu sein, ohne dabei unser Heim / unsere Heimat verlassen zu haben!“

 

Das ist gleichfalls auch der Lin-ji, der seine Schüler ermahnt, dass es zur Befolgung des Buddha-Dharma keiner besonderen Anstrengung bedarf: „Seid einfach nur gewöhnlich und ohne Angelegenheit (qi shi ping-chang wu-shi), indem ihr scheißt, pisst, eure Kleidung anlegt, euren gekochten Reis esst und, wenn euch Müdigkeit überkommt, euch schlafen legt (ebd., S. 185) – wobei das ping-chang genau das ›gewöhnlich‹ bedeutet, das jedem Zen-Praktizierenden aus dem bekannten Zwiegespräch zwischen Zhao-zhou und Nan-quan geläufig ist: „Was ist mit dem DAO?“ – „DAO ist gewöhnlicher Geist!“ und wobei dieser Geist eben deshalb ›gewöhnlich‹ ist , weil er – wu-shi – keine Angelegenheiten hat, also nichts erst noch leisten muss.

 

Dieser andere Linji, der mit seiner „Buddha-Schlächterei“ jegliche Metaphysik verwirft, er verweist seine Mönche und damit auch uns auf das rein Innerweltliche: „Ihr habt doch einen Vater und eine Mutter, wonach sucht ihr dann also noch?“ – zu Deutsch: „Euch fehlt doch nichts; was ihr zum Leben und Überleben braucht, das habt ihr von euren Eltern mitbekommen! Und folglich gibt es nichts, keinen Buddha, keinen Dharma, keine Befreiung, was ihr noch nötig hättet!“ Anders gesagt: „Für euer Leben hier in der Welt – und auf nichts anderes müsst ihr euer Streben richten – seid ihr von Natur aus hinreichend ausgestattet!“ (ebd., S. 173). Oder, wie der angebliche Lin-ji des Lin-ji Lu selbst sagt: „Wer ohne Angelegenheiten ist, der ist der Edle“ (wu-shi shi gui ren) – also nicht derjenige, der das Außerordentliche will, etwa über die Welt hinaus – „[daher kommt es für euch darauf an,] nur nichts bewerkstelligen zu wollen (dan mo zao-zuo) – seid vielmehr nur gewöhnlich“ (qi shi ping-chang: alle Zitate ebd., S. 178).

 

Versuchen wir ein Resümee: 

  • Der Lin-ji der drastischen Formulierungen – „eingetrockneter Kotspatel“, stinkende „Kotgrube“, „scheißen“, „pissen“ – das ist, wie Welter am Beispiel des „wahren Menschen ohne Status“ nachgewiesen hat, eine spätere, eine Song-zeitliche Zutat.
  • Und diesen Song-zeitlichen Lin-ji, den „Buddha-Killer“, und nur ihn, können wir Mythen-Skeptiker uns zum Vorbild nehmen, weil er es uns erlaubt, aus dem Gefängnis überkommener mythisch-metaphysischer Weltdeutungen auszubrechen und uns neueren wissenschaftlichen Einsichten zu öffnen, so als wären sie ein freies Gefilde, in das wir mit dem „anderen“ Lin-ji hinaustreten.
  • Insgesamt jedoch bleibt das Lin-ji Lu von 1120 mit seiner nahezu unentwirrbaren Verflechtung von Tang-zeitlicher Metaphysik nach Art Huang-bos und Song-zeitlicher Bilderstürmerei weit hinter der Radikalität des Wu-men-guan von 1229 zurück. Es ebnet grundlegende Unterschiede ein und gibt vor, am Leben erhalten zu können, was mit der Vollendung des chinesischen Chan längst dem Tod überantwortet ist. Die endgültige Befreiung hingegen, die der „andere“ Lin-ji uns verheißt, nämlich die von einem Buddha-Wesen als Grund und Ursprung der Welt, das unser aller „wahres Wesen“ darstellt, die leistet es nicht.

- Dietrich Roloff -