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Verdient radikales Zen das Etikett ‚Nihilismus‘?

Mein vorletztes Buch, ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“, hat sich dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, mit der Abschaffung von ‚Buddha-Natur‘ oder ‚Buddha-Wesen‘, beides chinesisch fó-xìng, sowie von dharmakâya, dharmadhâtu und shûnyatâ nichts als Nihilismus zu predigen. In der Tat, wenn wir uns an Friedrich Nietzsche, den selbsternannten Verkünder des europäischen Nihilismus, halten, dann besteht der Vorwurf zu Recht: >Nihilismus bedeutet, dass die obersten Werte sich entwerten<, so Nietzsche, und für wen und solange ‚Buddha-Natur‘, shûnyatâ etc. >oberste Werte< sind, ist ein radikales Zen, das sich den Glauben an eben diese vermeintlichen Entitäten verbietet, in der Tat purer Nihilismus. Doch schon Nietzsche selbst hat sich mit seiner Proklamation des „Übermenschen“ zugleich auch als „Überwinder des Nihilismus“ gesehen!

 

Angesichts dessen – wie steht es da mit dem radikalen Zen? Sehen wir zu: Wer es als unzumutbaren Verlust an Trost und möglicher Geborgenheit empfindet, wenn ihr oder ihm der Glaube an eine ‚Buddha-Natur‘ bzw. eine shûnyatâ genommen werden soll, der bestätigt damit zunächst nur, dass unter Zen-Anhängern eben diese ‚Buddha-Natur‘ oder shûnyatâ nach wie vor als Ort der Zuflucht oder, wie es noch in den Lehrreden eines Hong-zhi Zheng-jue geheißen hat, als unsere ‚wahre Heimat‘ in höchster Geltung steht. Radikales Zen leugnet dieses, mit Kierkegaard gesprochen, absolute Telos keineswegs, zumindest nicht von vornherein.

 

Radikales Zen ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum und unterschiedliche Stadien hinzieht und bei dem die Erfahrung von shûnyatâ eine wichtige, ja zentrale Etappe darstellt. Doch zu keinem Zeitpunkt hat radikales Zen es auf Weltflucht abgesehen, auf das Bestreben, die irdisch-diesseitige Existenz zugunsten einer ausschließlichen oder auch nur vorrangigen Hinwendung zu einem Jenseits aufzugeben, zu einer Existenz am sprichwörtlichen ‚anderen Ufer‘. Im Gegenteil, die Erfahrung von shûnyatâ bedeutet dabei die gleichsam gesicherte Basis für eine vorbehaltlose Hingabe ans irdische Leben – und insofern unterscheidet sich radikales Zen durchaus nicht vom derzeit üblichen Zen.

 

Doch radikales Zen trägt den Keim einer Implosion, bei der ‚Buddha-Natur‘, shûnyatâ etc. in sich verschwinden, bereits von Anfang an im Leib: Radikales Zen hat seinen Ursprung in der Einübung ins KÔAN MU, genauer gesagt, in die Erfahrung des ‚Da ist nichts!‘, die wiederum als Erfahrung von shûnyatâ erlebt wird, und das mit einer Intensität, die einen Zweifel an der Existenz dieser shûnyatâ vorerst gar nicht aufkommen lässt. Auf Dauer aber entfaltet sich das ‚Da ist nichts!‘ unaufhaltsam zu der nicht länger abzuweisenden Einsicht: ‚Da ist nichts, auch kein Nichts, keine shûnyatâ oder Buddha-Natur!‘. Das wiederum bedeutet allerdings keineswegs, dass pures Entsetzen über uns hereinbricht – und zwar deshalb nicht, weil radikales Zen uns längst auf den Weg des dà sĭ, des ‚vollständig Sterbens‘ geführt hat: Einübung ins KÔAN MU ist eine Einübung in das Verschwinden von Ich und Welt, die uns lehrt, auch noch den Schmerz eines letzten Abschieds hinter uns zu lassen – nur um in einem Jubel von Daseinsbejahung in Leben und Welt zurückzukehren.

 

Solchermaßen aus dem Traum von ‚Buddha-Natur‘ und shûnyatâ aufzuwachen hinterlässt nicht das Gefühl eines Verlusts, gar eines unerträglichen. Stattdessen lässt es uns letztlich die Welt selbst als den Ort der Geborgenheit erleben, als der uns zuvor ‚Buddha-Natur‘ und shûnyatâ erschienen sein mögen: Aus dem – in Kierkegaards Terminologie – relativen Telos, als das uns möglicherweise unser sterbliches Leben in einer Welt der Vergänglichkeit angesichts eines absoluten Telos in Gestalt von ‚Buddha-Natur‘ und shûnyatâ gegolten hat, ist umgekehrt unser absolutes Telos geworden, das uns eines weiteren Trostes unbedürftig macht. So läuft radikales Zen gerade nicht auf Nihilismus hinaus; im Gegenteil, die Welt um uns herum – und das meint zuvörderst die natürliche Welt – ist nicht länger ein Ort der Entfremdung oder gar der Verlassenheit. Ihre Anmutung bedeutet für uns, die wir im dà sĭ gelernt haben, uns selbst loszulassen, einen beglückenden Frieden: Eine Baumgruppe in einem Park, ein Wolkenzug an einem sommerlichen Abendhimmel – schon das kann Inbegriff eines Friedens sein, der die Frage nach einem Sinn gar nicht erst aufkommen lässt – auch die nicht, ob ein Zen ohne ‚Buddha-Natur‘ oder shûnyatâ nun Nihilismus ist oder nicht!

 

So sind wir, wenn denn schon historische Vergleiche angebracht erscheinen, was Kierkegaard persönlich gerade nicht war – >Glaubensritter<, die in jedem Augenblick auf alles Glück der Erde verzichten und doch, >inkraft des Absurden<, in jedem Augenblick das irdische Leben voll Zuversicht und Festigkeit wieder ergreifen können.

 

Noch ein weiterer Nachtrag scheint mir an dieser Stelle sinnvoll: Schon die Tatsache, dass ich mich hier wiederholt auf Kierkegaard als den Begründer der europäischen Existenzphilosophie berufen habe, macht deutlich, das radikales Zen eine Sache ist, die an die Wurzeln der menschlichen Existenz reicht, und mehr ist als nur ein ‚Sitzen in ruhiger Versenkung‘.