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Was ist und was soll uns buddhistische Ethik?

Die älteste für uns greifbare Version der Buddha-Lehre ist der Theravâda, zu schriftlicher Form geronnen im Pali-Kanon. Dieser Theravâda enthält für seine Anhänger in den zehn Shîla genaue Vorschriften für den ‚rechten Lebenswandel‘, ohne den das Ziel der Buddha-Lehre, die ‚Befreiung‘ von den Übeln der Welt, nicht möglich ist. Die Shila richten sich in erster Linie an die Mönche und Nonnen, aus denen sich die eigentliche Anhängerschaft des Buddha zusammensetzt. Auch Laien sind im Theravâda gehalten, zumindest die ersten fünf Shîla zu befolgen, aber als ‚Haushalter‘ weder verpflichtet noch überhaupt in der Lage, auch den fünf restlichen Shîla zu genügen. Für die Mönche und Nonnen hingegen gelten noch zahllose weitere Vorschriften für korrektes Verhalten, die im Klosteralltag einzuhalten und im Vinaya-Pitaka, dem ‚Korb der Disziplin‘, zusammengefasst sind.

 

All diese Ge- und Verbote des Theravâda zielen hauptsächlich auf die persönliche moralische Vervollkommnung des Einzelnen, auch wenn sie, wie das Verbot von Lüge, Verleumdung, Diebstahl, Raub, Gewaltanwendung und sexuellem Fehlverhalten, durchaus auch ihre positive Auswirkung auf Andere haben. Der Einzelne steht im Mittelpunkt dieser Ethik, die ‚Erlösung‘ nur den Wenigen verheißt, die sich zu einer entsprechenden Lebensführung als Mönche oder Nonnen entschlossen haben. Von einem Vorrang des Einsatzes zum Wohl der Anderen, ja aller Anderen insgesamt ist im Theravâda, wegen seiner Ausrichtung auf die Wenigen auch Hînayâna, das ‚Kleine Fahrzeug‘ zur Erlösung genannt, noch keine Rede.

 

Ein solcher Wandel vollzieht sich erst mit dem Auftreten des Mahâyâna, des ‚Großen Fahrzeugs‘, das alle mitnimmt, nicht nur den Arhat oder ‚Heiligen‘. Nunmehr können auch Laien wie der ‚Haushalter‘ Vimalakîrti höchste Vollkommenheit und Erleuchtung erlangen. Dieser Vimalakîrti, ein reicher Kaufmann und Wohltäter, ist geradezu zum Urbild eines Bodhisattva geworden: Er leidet an dem Leid der Anderen und findet Erlösung von seinem eigenen Leiden erst, wenn er durch seinen persönlichen Einsatz dem Leid aller Anderen ein Ende bereitet hat. Deshalb schiebt er, der im Höchstmaß Erleuchtete, seine eigene Befreiung, den endgültigen Eintritt ins Nirvâna, solange auf, bis ihm auch die Befreiung aller Anderen gelungen ist.

 

Dieses Bodhisattva-Ideal – welch ein hoher und höchster Anspruch! Und doch ist es im heutigen Zen übliche Praxis, dass schon der Anfänger, die Anfängerin die Bodhisattva-Gelübde entweder nur in seine/ihre Rezitationen einbezieht oder sie gar in einer förmlichen Zeremonie für sich selbst übernimmt und ihre Verwirklichung gelobt. Das birgt die Gefahr in sich, dass bereits das rituelle Ablegen der Bodhisattva-Gelübde zu der irrigen Selbsteinschätzung verführt, nunmehr bereits ein anderer, ein besserer, ja ein erleuchteter Mensch zu sein – statt dass angesichts des Mahâyâna-typischen Totalitätsanspruchs der Bodhisattva-Gelübde kritische Reflexion einsetzt: „Ich gelobe, alle lebenden Wesen zu retten!“ Alle? Wirklich alle ‚lebenden Wesen‘, und sei es nur auf diesem unserem Erdenrund? Ist das nicht ein Anspruch, der sich nicht einlösen lässt? Ein Anspruch, der mehr als nur maßlose Selbstüberschätzung bedeutet, auf den sich einzulassen vielmehr auch nur ein Funken Vernunft uns verbietet?

 

„Alle lebenden Wesen retten“ zu wollen verleiht sicherlich ein Gefühlt von Großartigkeit, und doch sollten wir lieber auf Nüchternheit setzen, eine Nüchternheit, die auch den selbstkritischen Blick auf unsere tatsächlichen Möglichkeiten einschließt. Bescheidenheit ist da angebracht, statt dass wir, wie Mahâyâna-Sûtren es nahelegen, uns selbst ein Karunâ, ein ‚tätiges Mitgefühl‘ oder ‚Erbarmen‘ zusprechen, dessen Reichweite sich nicht nur über die Gesamtheit dieses einen Universums, das uns umfängt, sondern obendrein über die „Hunderte von Tausenden von Zehntausenden von Hunderttausenden“ weiterer Universen erstreckt.

 

Wie steht es demgegenüber mit unserer westlich-abendländischen Ethik? Gibt es die überhaupt? Selbstverständlich, und die ist, wie schon die Nikomachische Ethik eines Aristoteles aus dem 4. Jahrhundert v.u.Z. belegt, durch eine Nüchternheit gekennzeichnet, die uns besser zu Gesicht steht als der magisch-exaltierte Überschwang des Bodhisattva-Ideals. Noch älter ist die altgriechische Tugendlehre, die neben Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit namentlich die Tugend der Besonnenheit aufweist, eine zunächst heidnische Ethik voller Selbstbeschränkung, die später durch die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung erweitert worden ist. Und die christliche Forderung nach ‚Nächstenliebe‘, die am ehesten dem buddhistischen Karunâ gleichzusetzen wäre, verrät mit ihrer Beschränkung auf die konkrete Notsituation eines Einzelnen oder einer Gruppe von Anderen eben das Augenmaß, das die Bodhisattva-Gelübde vermissen lassen.

 

Nüchternheit kennzeichnet auch die unterschiedlichen Ausprägungen des abendländischen Humanismus, vom philosophisch ehrgeizigen Cicero über Erasmus von Rotterdam und die Philosophie der Aufklärung bis hin zur sturen, unerbittlichen Prinzipienreiterei eines Emanuel Kant. Humanistische Ideale sind bis in die Verfassungstexte moderner Staaten eingegangen, so das persuit of happines in die Verfassung der USA oder die Unantastbarkeit der Menschenwürde in den Text unseres bundesrepublikanischen Grundgesetzes.

 

Und so könnten wir uns allenfalls ein humanistisch abgespecktes Bodhisattva-Ideal gefallen lassen, mit einer Ausrichtung auf Mitmenschlichkeit, Wertschätzung und Einsatz zum Wohl konkreter Anderer, seien das nun konkrete Einzelne oder durch ein gemeinsames Merkmal konkret eingrenzbare Gruppen oder Mengen von Anderen, Tiere eingeschlossen – auf jeden Fall nicht unbestimmt „aller“ anderen, schon gar nicht „aller lebenden Wesen“ überhaupt, weil das auf eine uns selbst überfordernde und daher sinnlose Selbstverpflichtung hinausliefe. Ultra posse nemo obligatur, besagt schon ein fundamentaler, durchaus humanistischer Rechtsgrundsatz der alten Römer: ‚Über sein Können hinaus ist niemand verpflichtet!‘

 

Erst recht kann aber auch die Hînayâna-Ethik für uns kein Vorbild sein – hätte sie doch eine in unseren Zeiten undenkbare globale ‚Klosterbewegung‘ zur Folge und in ihrem Verzicht auf jede Art von Altruismus obendrein den Charakter einer Selbstzerstörung menschlicher Gemeinschaft überhaupt: Schopenhauers Vision einer Selbstauslöschung der Welt durch Arhat-artigen Verzicht auf jeglichen Lebenswillen kann in unseren Augen nur dem Hirn eines an Weltekel leidenden, abgründig enttäuschten Pessimisten entsprungen sein.