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Erfüllter Augenblick – und kein ‚Verweile doch …‘

Bei all den Alltäglichkeiten, deren Austausch in den sozialen Medien heutzutage die Bildung der Nicht-Wenigen ausmacht, bleiben doch hier und da Reminiszenzen an sog. Hochkultur erhalten, etwa an die beiden ‚Faust‘-Dramen des weimarischen Geheimrats. Und da verwettet Faust dem Teufel seine Seele für den ihm unvorstellbaren Fall, dass er je hinreichenden Anlass hätte, einem Augenblick zuzurufen: ‚Verweile doch, du bist so schön!‘ Doch als dieser Anlass sich dann am Ende seines Lebens, im Augenblick des Sterbens geradezu, tatsächlich einstellt, widerfährt ihm dank himmlischen Fürspruchs die Errettung aus den Fängen Satans und der Teufel steht betrogen, mit leeren Händen da!

 

Während also Faust geglaubt hat, diesen ‚erfüllten Augenblick‘ auf Teufel komm raus vermeiden zu können, stellt er für uns andere, schlichter gestrickte Gemüter im Gegenteil etwas durchaus Erstrebenswertes dar. Augenblicke, von denen und in denen wir sagen können: ‚Verweile doch, du bist so schön!‘, sind so etwas wie die Höhepunkte unseres Lebens. Andersherum gesagt, Augenblicke, Stunden des Glücks, in denen wir nicht einmal daran denken, dass sie enden könnten, sind genau das, was den ‚erfüllten Augenblick‘ ausmacht. Diese Augenblicke sind allerdings, aufs Ganze des Lebens gesehen, eher rar, und wir haben uns damit abgefunden, auf solche Momente der Erfüllung oftmals lange warten und danach – wenn wir sie, vergänglich, wie sie nun einmal sind, tatsächlich erfahren haben – von der Erinnerung an sie zehren zu müssen.

 

Wir Sterblichen sollen, so haben es die Götter des alten Griechenland über uns verhängt, nicht übermütig werden, uns vielmehr allzeit dessen gewärtig sein, dass uns ein Maß gesetzt ist, das wir nicht überschreiten dürfen: ‚Neid der Götter’ hieß das den tragisch gestimmten alten Griechen, für die es als ausgemache Sache galt, dass wir die Grenzen dieses Maßes grundsätzlich nicht kennen können und wir deren Überschreitung immer erst im Nachhinein durch gottgesandtes Leid – mit Kafka zu sprechen – ‚auf den Leib geschrieben‘ bekommen.

 

Eher spricht uns Heutige da Hölderlins Vorschlag an, dass uns nämlich ein Übermaß an Glück, weil mit unserer Konstitution unvereinbar, ganz und gar nicht bekommt: Denn schonend rührt, des Maßes allzeitkundig, / Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen / Ein Gott an, unversehen, und keiner weiß es, wenn? / … / Auch wär‘ uns, sparte der Gebende nicht, / Schon längst vom Segen des Herds / Uns Gipfel und Boden entzündet (Hölderlin, Friedensfeier, Gegenstrophe der 2. Triade).

 

Doch lassen wir es mit mythischen Göttern und dem gleichermaßen mythischen Duo aus Gott und Satan nunmehr genug sein und wenden uns, wie diese Zen-Reflexionen es verlangen, endlich dem ZEN zu.

 

ZEN kennt zwei Arten des ‚erfüllten Augenblicks‘, und in beiden Fällen ohne ein hoffnungsvoll-sehnsüchtiges ‚Verweile doch, du bist so schön‘. Die eine Art ist das Charakteristikum der mittleren Etappe des ZEN-Weges, die überwältigende Erfahrung von shûnyatâ, in der Rhetorik des herkömmlichen Zen ‚Erleuchtung‘ genannt (die im chinesischen Chan gebräuchliche Bezeichnung lautet , auch als ‚Erwachen‘ zu übersetzen). Dabei ist es nicht der Schrecken des Verschwindens selbst, der uns Erfüllung schenkt (er läuft ja auf das Gegenteil hinaus), sondern der unmittelbare Umschwung in überbordende, grundlose Lebensfreude, die Verwandlung zum ekstatischen Subjekt. Wir finden uns wieder in einem Zustand der Entgrenzung, das individuelle Ich hat sich in die sprichwörtliche ‚Weite Bodhidharmas‘ aufgelöst, aus der alles Seiende aufragt in den Glanz und die Fülle des Daseins. Auch die Zeit hat ihre Begrenzungen verloren, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind in eins verschmolzen. Da gibt es keinen Anlass, an ein ‚Verweile doch, du bist so schön!‘ zu denken, einfach deshalb nicht, weil dieser ‚Augenblick‘ der Zeitlosigkeit alles ‚Verweilen‘ außer Kraft gesetzt hat.

 

Die andere Art des ‚erfüllten Augenblicks‘ stellt sich in der dritten und abschließenden Etappe des ZEN-Weges ein. Wenn wir uns, jenseits aller Erfahrung von shûnyatâ, im Umkreis der Dinge aufgehoben und zuhause empfinden, dann bedarf es nur eines kurzen Innehaltens, um uns in die Stimmung zu versenken, die ein Sonnenuntergang, ein stattlicher Baum, ein Solitär, im Mittagslicht, ein Wolkengebirge, ein sonnenbeschienener Park, kurz, ein Stück Natur noch inmitten einer Großstadt ausstrahlen, sobald wir von unserem Ich und seinem jeweiligen Tun und Lassen absehen. So enthüllt Entleerung unvermittelt an den Dingen die ihnen eigentümliche Chance, uns mit ihrem Glanz und ihrer Stille auszufüllen. Wunschlos sind wir in diesem einen kurzen Augenblick, von einem Glück durchdrungen, das uns alles Weiteren unbedürftig macht (Lin-ji sprich da von einem wú shì rén, einem ‚Menschen, der nichts mehr zu besorgen hat‘ ). Das gilt zwar nur für diesen einen Augenblick, von dem wir uns durchaus bewusst sind, das es nur ein vergänglicher Augenblick ist; doch weil es an uns liegt, einen solchen ‚erfüllten Augenblick‘ immer wieder hervortreten zu lassen, drängt sich uns auch kein Vermissen auf, das einem ‚Verweile doch, du bist so schön!‘ gleichkäme.

 

So wird, was ohne ZEN zumal für die Höhepunkte unseres Lebens gilt, zu einer Selbstverständlichkeit, die keines besonderen Anlasses bedarf.