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Die Zen-Gedichte des Dietrich Roloff

Merkwürdig: Da wird in ‚Zen und Zeit‘  vor dem Leser, der Leserin eine umfängliche Sammlung von Zen- Gedichten ausgebreitet, die exakt im Jahr 1992 einsetzt und, in den letzten zwei, drei Jahren allmählich ausklingend, ebenso exakt 2007 endgültig abbricht. Was ist da passiert – und was sind überhaupt ‚Zen-Gedichte‘?

 

Texte, die den Namen ‚Zen-Gedichte‘ verdienen, haben eine Jahrhunderte lange Tradition. Da wären die ‚Gedichte vom Kalten Berg‘ eines anonymen Einsiedlers aus der Zeit der chinesischen Tang-Dynastie zu nennen, die ‚Gedichte von der Verrückten Wolke‘ , die den japanischen Zen-Meister Ikkyû Sôjun (15. Jh.) zum Autor haben, sowie die Gedicht-Sammlung ‚Eine Schale, ein Gewand‘  des ebenfalls japanischen Zen-Meisters Ryôkan (18./19. Jh.). In all diesen Texten spiegeln sich die Erfahrungen von Menschen wider, deren Leben zutiefst von der Chan-/Zen-Übung bestimmt gewesen ist.

 

Vor allem aber muss auf die Hunderte von Gedichten hingewiesen werden, denen wir unter der Bezeichnung ‚Lobgesänge‘  in den großen Kôan-Sammlungen Bi-yan-lu, Cong-rong-lu und Wu-men-guan aus der Zeit der Song-Dynastie als festem Bestandteil jedes einzelnen Kôan-Kapitels begegnen. Ja, Bi-yan-lu und Cong-rong-lu sind beide aus Text-Sammlungen hervorgegangen, die den Titel ‚100 Beispiele der Alten‘  getragen haben und in denen dem Wortlaut des eigentlichen Kôan lediglich ein solcher ‚Lobgesang‘  als einziger Kommentar beigefügt war. Auch das sind – wie könnte es anders sein? – ‚Zen-Gedichte‘.

 

Nun zu meinem eigenen Fall. 1987 habe ich in Roseburg mein erstes Sesshin absolviert, damals ein letztes Mal von Ôi Saidan unter der Assistenz von Usami Sôgen, genannt Gen-san, und Wolf-Dietrich Nolting, genannt Raphael, geleitet. Für den Anfänger waren in diesem und den folgenden Jahren die Kôan des Wu-men-guan obligater Übungsgegenstand – Kôan, deren Texte ich in Gestalt des Heyne-Taschenbuchs 7277 ‚Zu den Quellen des Zen‘ , einer deutschen Übersetzung des englisch-sprachigen Buches ‚Zen Comments on the Mumonkan‘  von Shibayama Zenkei, allemal zur Hand hatte. Wenn ich mir dieses Exemplar heute wieder vornehme, so finde ich, nach einer zweijährigen Sesshin-Abstinenz, unter dem Datum 10. und 11. 7. 91 erstmals die Eintragung je eines großgeschriebenen ‚S‘, eindeutige Abbreviatur einer Kenshô-Erfahrung. Vom folgenden Jahr an wimmelt dieses Buch dann von handschriftlichen Eintragungen ekstatischen Gestammels, geradezu zwanghafter Versuche, meine jeweiligen Erlebnisse in Worte zu fassen. Eine erste halbwegs vertretbare Formulierung findet sich unter dem Datum des – gleichfalls mit einem ‚S‘ gekennzeichneten – 2. 7. 92, ein Wortgebilde, das ich gleichwohl, leiser Ungeschicklichkeit wegen, in meine Sammlung nicht mit aufgenommen habe: ‚Es ist ein Lächeln in den Dingen, Usami-san; / Es ist ein Lachen in der Welt, / Das Lachen eines Kindes, das sich seiner selbst erfreut. / Auf diesem Lächeln der Dinge schreite ich dahin. Daher setzen meine Gedichte in ‚Zen und Zeit‘ erst mit dem ersten von mir als sprachlich gelungen empfundenen Kurzgedicht ein, rauschhaft und gebändigt zugleich: ‚Tanzt, Galaxien, / Tanzt meine Freudenglut! / Mein Schmerz hier unten, / tränenüberströmt, tanzt Eure / Unermessliche Vollkommenheit!‘

 

Immer weitere Kenshô-Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Zazen-Übung haben von da an immer neue Gedichte hervorgetrieben, je nach äußerem Anlass mit immer neuen Metaphern und immer anderem thematischem Gehalt. Im Laufe der Jahre haben diese Kenshô-Erfahrungen unaufhaltsam sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in ihrer Intensität stetig abgenommen, mit dem folgerichtigen Ergebnis, dass ein letztes Gedicht statt von rauschhaftem Überschwang nunmehr von Stille und Frieden erfüllt ist:

 

‚Abendfrieden – / Schon das Wort beseligt. / Und wie es trifft – / Der Welt ins Herz aus Glück. // Was Wind, was Sturm war, / Hat zur Ruhe sich gelegt: / Der Himmel klar und still, / Das Licht, im Sinken Gold, / Verklärt die Fluren weit ins Land. / Die Bäume ragen in ihr Schweigen auf, / Gelassen, uns zu sanftem Trost – / Die Nacht, sie zögert noch / Und schenkt dem Tag ein letztes Blüh’n; / Die Zeit verhält ihr Schreiten / Für einen langen, atemtiefen Augenblick, / Durch den, was jenseits ist und ohne Zeit, / Wie durch ein Tor, ein leises, / In das Gehöft der Dinge tritt. / Was noch an Schmerzen war, erlischt, / Und Ängste auch sind keine mehr. // Und Abendfrieden nimmt / Den Vogelflug vom Firmament. / Du bist jetzt still wie alle Welt, / So reich an Glück – / Und Tränen müssten stürzen, / Ließ‘ es die Stille zu! (Skovby, 2007).

 

Unter den Titeln ‚Es gibt ein anderes Leben, ungeahnt I – III‘  und später ‚Buddha, ekstatisch‘  und ‚Buddha – auch du’  sind meine Zen-Gedichte zunächst für mehr als zwei Jahrzehnte gruppenweise im Internet frei zugänglich gewesen. Welche Wirkung sie dort ausgeübt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin hat sich einmal, nach einer Vorführung japanischer Teezeremonie vor der Choka Sangha in Steyerberg, die so flüchtige wie herzerfrischende Episode ereignet, dass ein Zuschauer, dem ich lange Jahre zuvor bei einem meiner frühen Sesshin in Roseburg die äußeren Anzeichen einer Kenshô-Entrückung angesehen hatte, mir beim Verlassen des Saales unvermittelt zugeraunt hat: „Deine Gedichte sind schön, Dietrich!“ Da hat es also tatsächlich jemanden gegeben, der diese Gedichte verstanden hat. Ansonsten nämlich hat es eher – wenn überhaupt – in persönlichem Austausch schon mal geheißen, gerade von wohlmeinender Seite: „Schön, aber schwer zu verstehen!“

 

Wenn ich heute dieselben Gedichte in Buchform veröffentliche, dann in der Hoffnung, dass ihre Kraft der Anregung sich zumal im Format einer geschlossenen Sammlung, die jedes einzelne Gedicht leichter auffindbar macht, auch weniger ‚durchtränierten‘ Zen-Anhängern und -Interessenten erschließt.

 

Aber es gibt für diese Neu-Edition noch einen anderen, gewichtigeren Grund, und der hängt mit dem Namen Qing-yuan Xing-si  zusammen. Um aufrichtig zu sein, so ist uns Anfängern unter den Sesshin-Absolventen in Roseburg schon zu einer Zeit, da ein Kenshô erst noch in weiter Ferne bevorstand, bereits warnend mit auf den Weg gegeben worden, dass Höhenflüge, wie sie von Kenshô-Erfahrungen ausgelöst werden, nicht von unbegrenzter Dauer sind, sondern irgendwann einem Zustand gleichförmiger Gelassenheit weichen werden. Der Name Qing-yuan Xing-si  ist dabei allerdings nicht gefallen. Doch je länger sich meine Zen-Entwicklung hingezogen hat, desto unabweisbarer ist mir der Wahrheitsgehalt des Qing-yuan’schen Axioms am eigenen Leib bewusst geworden: ‚Vor dem Erwachen sind die Berge Berge und die Flüsse Flüsse; während [der Phase] des Erwachens sind die Berge keine Berge und die Flüsse keine Flüsse mehr; und nach [der Phase] des Erwachens sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse.‘  Und so dient denn die Sammlung meiner Zen-Gedichte als umfänglicher Haupt- und Mittelteil meines jüngsten Buches ‚Zen und Zeit‘ dazu, deutlich und nachvollziehbar zu machen, was es heißt, dass und wenn ‚die Berge keine Berge und die Flüsse keine Flüsse mehr sind.‘  Alles theoretische Gerede über das Besondere an dieser zentralen Phase des Erwachens (chinesisch , japanisch Satori, Kenshô) vermag nämlich keinen unmittelbar ins ‚menschliche Herz treffenden‘ Eindruck zu vermitteln. Das kann nur ein Gedicht. Eine letzte Episode möge das verdeutlichen: Bei einer Lesung aus meinem Buch ‚Zen – vom Kopf auf die Füße gestellt‘ , dessen ausgewählte Passagen die Zuhörer nur immer weiter verwirrt hatten, konnte ein verlässlicher Zeuge geradezu augenfällig beobachten, wie mein abschließender Vortrag des Gedichts ‚Abendfrieden‘  die Zuhörer unmittelbar ergriffen und ein- und mitgenommen hat (‚mitgenommen‘ im Sinne des ‚Großen Fahrzeugs, das alle mitnimmt‘). Genau das wünsche ich auch den Lesern meines Buches ‚Zen und Zeit’ bei der Lektüre des einen oder anderen Gedichts!