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Zur Wirkkraft des Kôan MU

Seit meinen Büchern Zen – vom Kopf auf die Füße gestellt und Zen„Der Duft Hunderter von Blumen“ propagiere ich ein Zen aus MU – ohne das Brimborium von ‚Buddha-Natur‘ oder ‚Buddha-Wesen‘ (einem Buddha, der das Wesen aller Dinge darstellt), ‚Wahrheitsleib‘ und ‚wahrer Wirklichkeit‘. Das muss jeden Zen-Traditionalisten befremden oder gar entsetzen, zumal das Kôan MU so unspektakulär daherkommt, dass es allsogleich auch einem noch hilflosen Anfänger anvertraut werden kann:

 

Ein Mönch fragte Zhao-zhou: ‚Hat auch ein Hund das Buddha-Wesen oder nicht? Und Zhao-zhou antwortete: ‚Wú (japanisch MU, auf Deutsch: nichts/Nichts).

 

Und dabei gibt es doch so viele andere und tiefsinnigere Kôan; und ein Nantô-Kôan, wie Hakuin die schwierigsten und komplexesten Kôan nennt, ist das Kôan MU erst recht nicht. Warum also Zen auf das Kôan MU zurechtstutzen? Zumal ein solches Zen das herkömmliche Zen seiner metaphysisch-soteriologischen Dimensionen beraubt und Zen zu einem rein existentialistischen Unterfangen macht: „Als durch und durch sterbliche Wesen sind wir in diese ebenfalls durch und durch vergängliche und obendrein sinnlose Welt ‚geworfen‘ (Heidegger), müssen irgendwie über die Runden kommen (Sartre) und wissen, dass mit unserem Tod für uns ganz und gar Schluss ist (Camus).“

 

Warum also ausgerechnet das Kôan MU, und warum es nach den beiden obigen Büchern noch einmal hervorholen? Ganz einfach – weil es eine besondere Wirkkraft besitzt. Denn selbstverständlich ist es nicht damit getan, sich beim Dokusan theoretisch zur Bedeutung von MU zu äußern. Vielmehr geht es darum, sich mit Haut und Haaren an MU zu verlieren – so ganz und gar, dass es uns in einen Strudel des Verschwindens hineinzieht, allerdings eines Verschwindens von ganz besonderer Art:

 

Ich sterbe.

Tränen rinnen

Den Schacht meines Todes hinab.

 

Die Welt da draußen –

Ich ziehe sie mit

In den Strudel lautlosen Sterbens.

 

Unten – wo unten? –

Wo das Sterben sich eingräbt

In bodenlose Verzehrung,

 

Ist nichts mehr,

Auch der Tod nicht,

Auch nicht das Nichts.

 

Wenn wir uns von MU so haben in MU hineinziehen lassen, ist zugleich ein Wendepunkt erreicht, an dem das Sterben und die Vernichtung umschlagen in eine jubelnde Lebendigkeit, die nicht nur uns selbst, sondern allen Dingen gleichermaßen innewohnt:

 Komm, Großer Tod,

Verwandle mich!

Ja, sieh –

In allen Dingen lebt ein Flammenmeer!

 

Der Große Tod

Nimmt alles an mir, was dem Tod verfallen, fort.

Schlackenlos lebendig springt

Die Flamme meines Jauchzens auf und steigt:

Geschmeidiger Leib,

Der zu dem meinen wird,

Mich in die fernsten Sternenschauer schwingt.

 

Beide Texte, den Anfängen einer rückhaltlosen Vertiefung in MU entstammend, machen auf durchschlagende Weise augenfällig, dass eine Ausrichtung von Zen ausschließlich auf MU nur deshalb, weil MU als ‚Nichts‘ zu übersetzen ist, keineswegs auf Nihilismus hinausläuft. Ganz im Gegenteil, eine von intensiverem Jubel erfüllte Bejahung von Leben und Welt lässt sich weder denken noch ausmalen: 

‚Reines Land Amitâbhas‘,

Insel im Horizont,

Steil-weißer Sturz Deiner Küste!

 

Oh, wie hättest Du sonst,

Unerreichbar vor Gleißen und Glanz,

Mich mit bitterem Sehnen versstört!

Jetzt aber reicht

Deine Stille bis hier,

Reicht die Stille in mir

Unter der Windhaut des Meeres,

Über den Wolkenstufen aus Licht

Weit über dich hinaus.

 

Bin ich denn hier, bin ich dort?

Hält mich denn nicht Deine zeitlose Stille

Mitten im Hiesigen,

Mitten im Gehen, im Tun,

Als großes Durchströmen umfangen?

Wie, und blühe ich nicht

Aus eben dem Atem, den Du verhältst,

Hinaus in das Glüh’n der Ekstasen der Zeit?

Wie, und was wäre dem Schwung,

Der mich schwingt,

Das Gefäß, das ihn fasst,

Wenn nicht die Gegenwart Deiner Nicht-Zeit?

 

Überall

Ist die Insel des ‚FO‘,

Reiner Ort meines Hierseins,

Makellos

Beides vor Weite und Licht.

 

28. 9. 1993 – angesichts der in der Ferne leuchtenden Steilküste der Insel Møn, vom Dornbusch auf Hiddensee aus gesehen.

 

Ein paar Worte der Erläuterung scheinen hier angebracht: ‚Amitâbha‘ ist innerhalb des buddhistischen Mythos ein transzendenter Buddha, der über das ‚Reine Land‘ Sukhâvatî fern im Westen herrscht, gleichsam eine Insel in den Weiten des Weltraums, und der den Bewohnern dieser ‚Insel der Glückseligen‘ ungeschmälertes Wohlbefinden verbürgt. ‚FO‘  ist die chinesische Bezeichnung für ‚Buddha‘ ganz allgemein, in diesem Fall für den ‚Buddha Amitâbha‘. Und das ‚Sonst‘  in der vierten Zeile verweist auf die Befindlichkeit dessen, der sich als individuelles Ich von der um uns unbekümmerten Schönheit der Welt insgesamt schmerzlich ausgeschlossen weiß.

 

So umfasst MU dreierlei: ein ‚Sterben‘ als Verschwinden in Nichts, ‚Großer Tod‘  genannt; den Umschlag dieses Nichts in die Fülle des Daseins und schließlich die mystisches Erfahrung eines zeitlosen Eins-Seins mit den Dingen der Welt als ganzer.