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Zen und das ‚absolute Nichts‘

Die sog. Kyôto-Schule, ein lockerer Verbund japanischer Intellektueller aus der ersten Hälfe des vorigen Jahrhunderts, hat ihre Aufgabe darin gesehen, das herkömmliche Zen unter Rückgriff auf die europäische Philosophie seit Hegel neu zu denken und so in seine Wahrheit einzusetzen (ein Unterfangen, das streng genommen einen Widerspruch in sich selbst darstellt, weil ja Zen vor allem Praxis bedeutet, die tägliche Übung des Zazen, und sich nicht im Theoretisieren erschöpft). Revolutionäre Neuerung und zugleich zentraler Begriff war und ist das ‚absolute Nichts‘. Doch die Verwendung dieses Begriffs beschränkt sich nicht auf die rein theoretischen und abstrakten Äußerungen von Inhabern eines philosophischer Lehrstuhls wie Nishida Kitarô, Nishitani Keiji oder Hisamatsu Shin’ichi. Auch ein in der Lehrtätigkeit stehender Zen-Meister wie Shibayama Zenkei hat sich, ausweislich seiner ‚Comments on the Mumonkan‘, deutsch ‚Zu den Quellen des Zen‘, bei seinen Teishôs, den Anleitungen zur Praxis der Zen-Übung, dieses ‚absoluten Nichts‘ bedient. Und in beiden Fällen handelt es sich um dasselbe MU, chinesisch , das den Gegenstand des Kôan MU ausmacht.

 

Was aber soll die Erhebung von MU, und das heißt des ‚Nichts‘, zu einem ‚absoluten Nichts‘ bedeuten? Soll das ein ‚Nichts‘ sein, das nicht nur ‚nichts‘, sondern sogar ‚absolut nichts‘ ist? Wann aber wäre ein Nichts ‚absolut nichts‘? Wenn es nicht nur keinen Inhalt hätte, sondern, eben als ‚absolut nichts‘, nicht einmal existierte? Diese Deutung als einigermaßen plausibel vorausgesetzt, drängt sich die Frage auf, warum ein Zen, das ein derartiges nicht einmal existierendes Nichts zur Grundlage hätte, meines Wissens niemals des Nihilismus verdächtigt oder bezichtigt worden ist. Etwa deshalb, weil ein Nichts, das es nicht gibt, auch nichts Bedrohliches an sich haben kann?

 

Oder liegt die Sache ganz anders? Ist ein ‚absolutes Nichts‘ deshalb nicht bedrohlich, weil es als ‚Nichts‘ zugleich das ‚Absolute‘ ist? Und das ‚Absolute‘ ist eine typisch abendländische Kategorie, die die Vertreter der Kyôto-Schule der europäischen Philosophie entlehnt haben – ein Grundbegriff, der das bezeichnet, was selbst nicht von einem Anderen abhängig, sondern selbst der Ursprung alles Anderen ist. Dieser Begriff des ‚Absoluten‘ geht bis auf Platon zurück, der die letzte Ursache alles Seienden als ἐπέκεινα τῆς οὐσίας, als ‚noch jenseits des Seins‘ bestimmt hat. Ähnlich scheint das ‚absolute Nichts‘ ein Nichts sein zu sollen, das noch jenseits von Sein und Nicht-Sein steht. Dasselbe gilt streng genommen auch für Platons ἐπέκεινα τῆς οὐσίας, das ja gerade nicht etwa nicht ist, weil es andernfalls auch nicht als das Letztbegründende in Erscheinung treten könnte. Haben wir also in dem ‚absoluten Nichts’ das ‚Absolute‘ vor uns, so besteht in der Tat kein Anlass, einem auf ein solches ‚absolutes Nichts‘ gegründeten Zen Nihilismus zu unterstellen. Denn dann ist das ‚absolute Nichts‘ gerade kein ‚Nichts‘, sondern – als das ‚Absolute‘ – ein ‚Etwas‘, über das sich sehr wohl Bestimmtes aussagen lässt.

 

Das wird deutlich, wenn wir uns den Kontext anschauen, in dem beispielshalber Shibayama Zenkei bei seinen Erläuterungen zum Kôan 1 Wu-men-guan/Mumonkan den Begriff des ‚absoluten Nichts‘ verwendet: MU, also das ‚Nichts‘, ist „die Wahrheit selbst, das Absolute selbst“, ja sogar unser aller „Wahres Selbst“, als das wir „durch Satori wiedergeboren werden“. Als dieses „Wahre Selbst“ ist MU ein „Selbst des Nicht-Selbst“, in dem nicht nur wir selbst „wieder aufleben“, sondern zugleich ein Etwas, in dem „das Absolute Nichts … zu sich selbst erwacht“ – kurz, ein Etwas, das nicht nur „erwachen“, sondern sogar „zu sich selbst erwachen“ kann. Statt ‚Nichts‘ zu sein, böte uns das ‚absolute Nichts‘ folglich die Möglichkeit, uns zu einer höchsten und alle Beschränkungen übersteigenden Form des Daseins zu erheben.

 

Das ‚absolute Nichts‘, wie es die Kyôto-Schule in den Diskurs über Zen eingeführt hat, ist als ein Nichts, das gerade kein Nichts, sondern das ‚Absolute‘ ist, eine japanisch-europäische Mogelpackung – erfunden zu dem Zweck, MU, das Nichts, so zu definieren, dass seine Definition letztlich das schmerzliche Eingeständnis vermeiden hilft, dass am Grund der Welt ‚nichts ist‘, also auch kein ‚Grund der Welt‘.

 

Doch auch ein Zen, das MU wörtlich nimmt, will sagen, im Sinne seines chinesischen Vorbildes als ‚Nicht-Sein‘, als ‚da ist nichts‘, muss allein deshalb kein Nihilismus sein: Gerade das an Wu-mens Wú, was auch ein Mann wie Shibayama Zenkei an seinem zum ‚Absoluten‘ erhobenen MU hervorhebt, dass wir nämlich in dem „unvergleichlichen Satori“, das sich mit dem „Durchbruch“ durch die „Schranke MU“ eo ipso einstellt, „am Rande von Leben und Tod gänzlich frei“„in großer Freude ein wahres Leben in vollkommener Freiheit leben“ können (‚Zu den Quellen des Zen‘ , S. 39 bzw. 32) – gerade das gilt, in anderer Formulierung und Akzentuierung, auch und erst recht dann, wenn wir aus der Versenkung in MU als reines ‚Da ist nichts‘ durch den Umschlag ins Gegenteil von Schmerz und Tod als ekstatische Subjekte ins Leben, in ein Leben nunmehr unbedingter Bejahung zurückkehren.