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Selbstmodellierung und ‚tektonisches Beben‘ – eine Antithese?

Wer sich auf Zen einlässt, will auf Verwandlung hinaus: Etwas Grundlegendes soll sich ändern, an mir selbst, meiner Befindlichkeit, meinem Lebensgefühl. Und – davon untrennbar – an meinem Gefühl der Welt gegenüber.

 

Um das zu erreichen, mache ich mich daran, mich selbst zu modellieren. Solche Selbstmodellierung verlangt Wiederholung, immer neue Wiederholung, und Wiederholung gelingt auf bestmögliche Weise auf dem Wege des Rituals (besteht doch ein Ritual eben darin, dass vorgegebene Handlungen und Abläufe immer wieder auf genau gleiche Weise vollzogen werden).

 

Im Falle einer Selbstmodellierung durch Zen gibt es da ein umfängliches Konglomerat unterschiedlicher Rituale. Das umfassendste Ritual ist das Sesshin, die mehrtätige, manchmal auch mehrwöchige gemeinsame Übung des Zazen, unter der Anleitung durch einen Lehrer, einen Rôshi. Dieses Gesamt-Ritual schließt eine Vielzahl einzelner Rituale ein – das eigentliche Zazen in vorgeschriebener Sitzhaltung und Atemtechnik, die gemeinsame Rezitation überlieferter Texte, im Rinzai-Zen obendrein das Sich-Abarbeiten an einem Kôan sowie das Dokusan oder Sanzen, das Einzelgespräch mit dem Rôshi, bei dem es darum geht, das Ergebnis der eigenen Kôan-Arbeit durch den Rôshi überprüfen zulassen. Die formelle Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten gehört ebenso dazu wie das Gelöbnis, alle Wesen zu retten – um nur die wichtigsten Teil-Rituale zu nennen. 

 

Einen bedeutsamen Teil der Zen-spezifischen Selbstmodellierung machen die Rezitationstexte aus, insbesondere diejenigen, die direkte Aufforderungen an uns Praktizierende und/oder Hinweise auf anzustrebende Ziele enthalten – das Hannya Shingyô zum Beispiel, die ‚Meißelschrift vom Glauben an den Geist‘  oder Hakuins Zazen Wasan. Doch das wirksamste Instrument der Selbstmodellierung ist und bleibt das Zazen – als die Einübung ins Nicht-Denken, ins Mushin, einen Zustand, in dem der Geist leer und zugleich von Stille und Frieden erfüllt ist. Und genau bis hierhin ist alles nur Selbstmodellierung, obendrein eine Selbstmodellierung, die nur an der Oberfläche bleibt.

 

Denn die Praxis des Zazen soll uns noch weiter führen, in eine radikale Tiefe und in Abgründe hinab. ‚You must die completely‘, so hat es einmal eine gestrenge Priscilla Daichi Storandt, SJ,* am Vorabend eines Sesshin auf den Punkt gebracht. Und das ist nur die korrekte Übersetzung der weit älteren chinesischen Formel dà sĭ, ‚vollständig sterben‘. Das ist kein allmählicher Prozess, kein sanftes Einschlafen, sondern ein jäher Absturz: Der Boden birst, Abgründe öffnen sich, es gibt nichts mehr, woran wir uns festhalten können. Und genau das ist das ‚tektonische Beben‘ – ein Geschehen, das sich nicht modellieren lässt, das uns im Gegenteil überkommt, überwältigt.

 

Uns eben dem auszusetzen fordert uns aus der Zen-, oder besser gesagt, aus der Chan-Literatur gleich eine Vielzahl von Kôan-Texten heraus, Kôan, die alle das dà sĭ zum Gegenstand haben. Am radikalsten das Kôan MU, das ausschließlich dazu formuliert ist, uns den Boden unter den Füßen wegzureißen: ‚Besitzt auch ein Hund die allen Dingen innewohnende Buddha-Natur?‘ Zhao-zhous Antwort: ‚Es gibt gar keine allen Dingen innewohnende Buddha-Natur!‘

 

Daneben stechen heraus De-shans ‚Da ist nichts!‘ (‚Beim Durchqueren der Lehrhalle Wei-shans schmettert er sein ‚Da ist nichts! Da ist nichts!‘ durch den Raum‘ ), Xue-fengs ‚Hirsekorn‘ (‚Die ganze große Erde nehme ich mit meinen Fingerspitzen auf, groß wie ein Hirsekorn, und werfe sie vor euch hin!‘ ), Yun-mens ‚Wanderstab‘ (‚Mein Wanderstab hier verwandelt sich vor euren Auen in einen Drachen, der augenblicks Himmel und Erde verschlingt!‘ ), Pan-shans ‚Kein einziges Ding‘ (‚In allen drei Welten kein einziges Ding – wo ließe sich da nach einer Buddha-Natur suchen?‘ ), oder Nan-quans ‚Katze‘ (‚Die Mönche konnten kein Wort zur Rettung der Katze hervorbringen; also hob Nan-quan sein Messer und schnitt die Katze von oben nach unten entzwei‘ ).

 

Doch dahinter verbergen sich keine Selbstmordphantasien, auch keine Schwermut, die unaufhaltsam zum Tode führt. Das Zen-Spezifische am ‚vollständig Sterben‘  besteht darin, dass der Absturz in Bodenlosigkeit und Tod unwillkürlich umschlägt in eine Rückkehr ins Leben, obendrein in ein Leben der Freude, unerreichbar für Angst und Verzweiflung, in ein Leben überschwänglichen Glücks. Auch dieser Umschlag entzieht sich der Selbstmodellierung; er kommt spontan, ganz aus eigener Machtvollkommenheit; er ereignet sich immer wieder und häufig aus überraschendem, unvorhersehbarem Anlass.

 

Diese Doppelbewegung einerseits in Schmerz und Tod und zum anderen in einen sicheren Stand inmitten des Abgrunds ist das entscheidende Merkmal des Zen. Und so zielen viele der oben genannten Kôan auch wörtlich auf Beides zugleich ab: Xue-feng will mit seinem ‚Hirsekorn‘ und Yun-men mit seinem ‚Wanderstab‘ nach dem Absturz ins Bodenlose auf eben das hinaus – auf die Wiedergewinnung der Welt, der eine, indem er seine Mönche auffordert, mit Eifer nach diesem ‚Hirsekorn‘ zu suchen, und der andere, indem er an den ‚Verlust von Himmel und Erde‘ anfügt: ‚Wie wollt ihr denn jetzt die Berg, die Flüsse und die große Erde wiedergewinnen?‘  Und noch Nan-quans ‚Zerschneiden der Katze‘ zielt – wie der Neuling beim Dokusan erfährt – nur darauf ab, dass sich das tote Tier als jetzt erst recht lebendig erweist. Und im Kôan 41 Bi-yan-lu fragt Zhao-zhou seinen Gesprächspartner von vornherein: ‚Wenn ein Mensch, der völlig gestorben ist (dà sĭ), dennoch lebt, was bedeutet das?‘, um dann zur Bestätigung zu hören zu bekommen: ‚Ich erlaube dir nicht, im Dunkel der Nacht umherzureisen – in die Helle des Tages hinein musst du ankommen!‘.

 

Sogar das Kôan MU, und das noch vor allen anderen, so radikal es sich gibt, fällt unter die Kategorie der Doppelbewegung. Das macht Wu-men selbst in seinem Kommentar auf die wünschenswerteste Weise deutlich. Er spricht da bekanntlich von seinem , dem ‚Da ist nichts!‘ , als von einer ‚Sperre‘ , die es zu durchbrechen gilt, von einem ‚Tor‘, das uns Neuland eröffnet – ein Neuland, in dem wir ‚an der Schwelle von Leben und Tod das Große Wohlbefinden erlangen, … den Samâdhi des spielerisch-vergnüglichen Lebens!‘  Das ist es, worauf der Durchgang durch das dà sĭ uns führen soll: ein von Leichtigkeit erfülltes ‚spielerisch-vergnügliches Leben‘.

 

Das ist der andere Aspekt des ‚tektonischen Bebens‘, und der geht weit tiefer unter die Haut als jede Selbstmodellierung. Nehmen wir als besonders prägnantes Beispiel das Tragen eines buddhistischen Namens: Der Verleihung geht in der Regel ein entsprechender Wunsch des späteren Trägers voraus und das Tragen selbst stellt – soweit es nicht in dem irrigen Glauben geschieht, schon durch den Namen ein anderer, besserer, gar ein ‚erleuchteter‘ Mensch zu sein – immerhin eine ständige Mahnung an uns selbst dar, uns des Namens und seiner Bedeutung würdig zu erweisen. Doch eine tatsächliche Verwandlung folgt daraus nicht. Erst recht besagt die Übernahme eines Titels lediglich ein Aufpolieren der Oberfläche. Was hingegen die genannten Kôan angeht, so verheißen sie uns einen grundlegenden Wandel unseres eigenen Lebensgefühls.

 

Andererseits sind wir alle, die wir uns auf dem Zen-Weg befinden oder uns gerade anschicken, ihn zu betreten, zunächst einmal auf Selbstmodellierung angewiesen. Die Rituale, auf die wir uns einlassen, verändern unsere Lebensgewohnheiten bis hinein in den Ablauf unseres Alltags. Sie bringen es mit sich, dass wir uns andere Ziele setzen, und zugleich veranlassen uns umgekehrt neue Zielsetzungen, dass wir uns überhaupt genau diesen Ritualen zuwenden. So arbeiten wir immerhin anfangs ganz bewusst an uns selbst; wir modellieren uns selbst, wie ein Bildhauer an sein im Prozesse der Gestaltung befindliches Modell immer wieder Hand anlegt. Möglich, dass wir dabei einem von vornherein festgelegten Plan folgen; ebenso möglich aber auch, dass der Plan sich im Lauf seiner Ausführung immer wieder verändert. Doch alles, was dabei geschieht, unterliegt, zumindest der Möglichkeit nach, unserer Kontrolle. Genau die aber müssen wir abgeben, wenn wir uns – auch das noch ein letzter Akt der Selbstmodellierung – offenhalten für den Einbruch des ‚tektonischen Bebens‘, das allein tatsächliche Verwandlung über uns bringt.

 

*PS. Der Zusatz ‚SJ‘ bei der Erwähnung Priscilla Daichi Storandts bedeutet nicht etwa ‚Societas Jesu‘, sondern schlicht ‚Sôgenji, Japan‘, wo ich ihr im Jahr 2000 erstmals begegnet bin.

 

 - Dietrich Roloff -