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Ein letzter, verzweifelter Versuch zu klären, was es mit dem Begriff ‚Buddha-Natur‘ auf sich hat

‚Buddha-Natur‘, dieser bei westlichen Zen-Anhängern übliche Begriff (im englischen Sprachraum ‚Buddha nature‘) entstammt dem chinesischen Chan. In den dortigen Texten ist von fó xìng die Rede, wobei ganz eindeutig ‚Buddha‘ bedeutet, wohingegen xìng rein lexikalisch betrachtet eine Vielzahl von Bedeutungen haben kann: ‚Wesen‘, ‚Natur‘, ‚Charakter‘, ‚Veranlagung‘, ‚Beschaffenheit‘ oder ‚Eigenschaft‘. Von all diesen möglichen Bedeutungen bleiben im Zusammenhang von Chan- und ebenso auch noch von heutigen Zen-Texten nur zwei übrig: ‚Wesen‘ und ‚Natur‘.

 

Was aber soll dann fó xìng als ‚Buddha-Natur‘ verstanden bedeuten? Ist damit gemeint, dass wir alle die Veranlagung und damit die Möglichkeit haben, auch selbst ein individueller Buddha zu werden? Dass eine entsprechende Behauptung durchaus Sinn macht, lässt sich nicht bestreiten, solange sie nur besagt, dass wir durch das ‚Sitzen in Versenkung‘, das Zazen, einen Samâdhi erreichen können, der dem des historischen Buddha – kennten wir ihn denn – gleichkommt und uns eine Lebensführung erlaubt, die von der gleichen Gelassenheit, dem gleichen inneren Frieden und dem gleichen tätigen Mitgefühl bestimmt ist wie die des historischen Buddha.

 

Wie steht es jedoch, wenn wir fó xìng als ‚Buddha-Wesen‘ übersetzen? Wird da tatsächlich nur ein Wort gegen ein anderes ausgetauscht? Um das zu klären, müssen wir wohl oder übel untersuchen, was denn ‚Wesen‘ bedeuten soll. Versuchen wir es mit einer Analogie aus der Atom- und Quantenphysik: Alle Dinge der materiellen Welt bestehen aus Atomen, die ihrerseits aus Hadronen (Protonen und Neutronen) und Leptonen bestehen, die ihrerseits wiederum aus Quarks bestehen. Letztere sind aber keine Körperchen oder Teilchen (Korpuskeln), wie es bei den Hadronen und Leptonen für den Laien der Fall zu sein scheint, sondern nur elektrische Felder, die letztlich eins gemeinsam haben, nämlich elektrisches Feld zu sein. Dieses elektrische Feld ist also das Letzte, worauf sich die Dinge der Welt zurückführen lassen; das elektrische Feld ist mithin das Fundament, auf dem alles aufruht; wenn dieses Feld sich in nichts auflösen könnte (was die Physiker des CERN für das fundamentale Higgs-Feld immerhin für möglich, ja wahrscheinlich halten), dann bräche der gesamte Kosmos in sich zusammen und alles, was sich im Universum vorfindet, verschwände ohne Rest.

 

Ähnliches gilt für ein metaphysisch-ontologisch angenommenes ‚Wesen aller Dinge‘, chinesisch gesprochen xìng. Es bezeichnet ein X, in dem alles, was in der Welt vorkommt, letztlich begründet liegt und das sozusagen den unzerstörbaren Kern alles Vergänglichen ausmacht – ein X, in dem die vergänglichen Dinge, wenn auf ihren Kern reduziert, seit jeher und für immer vorhanden, in religiöser Sprache formuliert, ‚geborgen‘ sind (wenn aber, rein hypothetisch, dieses X verschwinden könnte, wäre folglich auch die Gesamtheit aller Dinge mit dahin). Wir alle, und ebenso alles Übrige in der Welt, tragen in den Augen der Chan- oder Zen-Anhänger diesen unzerstörbaren Kern in uns, der als das Ewige in uns unser Eigentliches ausmacht. Wenn dann xìng als dieses ‚Wesen aller Dinge‘ mittels des Schriftzeichens zu fó xìng erweitert wird, so ergibt sich, dass es sich bei dem ‚Wesen aller Dinge‘ um ‚Buddha‘ handelt – allerdings selbstverständlich nicht um das seit über zweitausend Jahren tote Individuum Buddha Gautama, sondern um einen ‚Buddha‘ als kosmisches Prinzip. Dieser ‚Buddha‘ wird spätestens seit Huang-bo (gest. 850) und noch in den Lehrreden des Hong-zhi (gest. 1157) als Geist bestimmt, freilich als ein Geist, der nichts denkt und folglich leer ist: ‚Buddha‘ als shûnyatâ, als die Leere schlechthin. Fó xìng bedeutet daher, dass ein mit der shûnyatâ identischer ‚Buddha‘ oder umgekehrt eine zum ‚Buddha‘ erhobene shûnyatâ das ‚Wesen aller Dinge‘ darstellt.

 

Und genau dieses ‚Buddha-Wesen‘, das sich auch – siehe die unterschiedlichen Bedeutungen des Schriftzeichen xìng – als ‚Buddha-Natur‘ benennen lässt, bereitet uns Heutigen Kopfschmerzen. Schon einzelnen Chan-Meistern der Song-Zeit sind Zweifel an der Existenz eines solchen ‚Buddha-Wesens‘ gekommen. Man denke nur an Wu-mens Kôan /MU, an De-shans ‚Da ist nichts! Da ist nichts!‘ oder an Xue-dous ‚Ich schnipse sie hinweg, bedauernswerte Shûnyatâ !‘ Heute haben wir darüber hinaus hinreichend begründbare Vorbehalte gegen die Annahme und den Glauben an eine ‚Leere‘ als den letzten Grund und das wahre Wesen aller Dinge, und so ist es eben dieses ‚Buddha-Wesen‘, gegen dessen Existenz ich in meinen letzten Büchern argumentiert habe.

 

Gegen eine ‚Buddha-Natur‘ im Sinne einer Veranlagung und Fähigkeit, als dieser einzelne und sterbliche Mensch ein ebenso sterblicher Buddha zu werden, ist selbst bei radikaler Metaphysik-Kritik nichts einzuwenden, insofern ein Status individueller Buddhaschaft lediglich besagt, dass der oder die Betreffende ein bestimmtes Maß einer bestimmten Art von spiritueller Errungenschaft erreicht hat.

 

Eine ‚Buddha-Natur‘ im Sinne des fó xìng, eines zum ‚Buddha‘ erhobenen ‚Wesens aller Dinge‘, kann hingegen keine Glaubwürdigkeit mehr beanspruchen – eine so klare Entgegensetzung, dass es zu dem Eingeständnis, zwischen den Begriffen ‚Buddha-Natur‘ und ‚Buddha-Wesen‘ keinen Unterschied finden zu können, keinen Anlass mehr geben dürfte – ‚Buddha-Natur‘ als Veranlagung zu individueller Buddhaschaft: JA! ‚Buddha-Wesen‘ als metaphysisch-kosmisches Prinzip: NEIN!

 

So weit, so gut. Was aber, wenn ich, einschlägig unvorbereitet, an einem Sesshin oder einer anderen Lehr- und Übungsveranstaltung teilnehme und den Lehrer, Meister, Rôshi von einer ‚Buddha-Natur‘ reden höre? Dann besteht die Gefahr, dass alles, was oben fein säuberlich voneinander abgegrenzt worden ist, wieder durcheinander gerät. Denn die landläufige Lehrmeinung des traditionellen japanischen Zen geht dahin, dass ich ein individueller Buddha nur deshalb werden kann, weil ich das ewige und für alle Dinge gleichermaßen gültige ‚Buddha-Wesen‘ in mir trage: Hinreichend tiefes Samâdhi mache mich nur deshalb zum individuellen Buddha, weil es das in mir verborgene ‚Buddha-Wesen aller Dinge‘ ans Licht bringe. Das aber ist für uns Heutige, weil der Reflexion verpflichtet, eine unzulässige Behauptung. Und Samâdhi und individuelle Buddhaschaft sind auch ohne das Postulat eines metaphysisch-kosmischen ‚Buddha-Wesens‘ oder ‚Buddha-Natur’ möglich – wenn es denn überhaupt darum geht, sich mit dem Titel eines individuellen Buddha zu schmücken. Ich persönlich immerhin würde meine Widmung an Usami Sôgen, wie sie meiner Ausgabe des Bi-yan-lu voransteht, heutzutage anders, schlichter, bescheidener formulieren. Mich nicht mehr darauf berufen, von ihm ein Buddha genannt worden zu sein.

 

 - Dietrich Roloff -