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SHUJÔ MUHEN SEIGAN DO oder: Die Ohnmacht der Bodhisattvas

Bodhisattvas – das sind jene erhabenen Wesen, die gelobt haben, nicht eher ins endgültige Nirvâna, sprich, in die buddhistische ‚ewige Seligkeit‘ einzugehen, als bis sie sämtliche Wesen gerettet haben. Nun ist das mit der Rettung aller Wesen so eine Sache. Heutzutage will sich die derzeitige Menschheit ja nicht einmal vor den unmittelbar drohenden katastrophalen Folgen des Klimawandels retten lassen. Innerhalb des buddhistischen Mythos hingegen, der auch in der Welt des Zen immer noch seine Anhänger hat, können sich die Bodhisattvas Zeit lassen, unendlich viel Zeit sogar. Denn die zu errettenden Wesen sind zwar unendlich viele, aber da sie dem Karma-Mythos zufolge, soweit noch unerlöst, unendlich oft den Kreislauf der Sechs Daseinsbereiche absolvieren müssen, bliebt auch ihren Rettern unendlich viel Zeit.

 

Anders steht es mit uns gewöhnlichen Menschen, zumindest mit all denen, die gleichfalls das Bodhisattva-Gelübde abgelegt haben und es immerhin ab und zu, bei einem Sesshin beispielshalber, immer wieder erneuern. Wir sind ja sterblich; die Zeit, die uns zur Errettung aller Wesen, und sei es auch nur der gegenwärtigen Menschheit, zu Gebote steht, ist arg begrenzt, wie auch der geographischen Reichweite unsrer diesbezüglichen Bemühungen enge Grenzen gesetzt sind. Freilich, schon der Vorsatz, alle Wesen zu retten, ist, obwohl uneinlösbar, höchst löblich. Doch es kommen außer der zeitlichen und räumlichen Begrenzung unserer Retter-Tätigkeit noch ganz andere Schwierigkeiten ins Spiel.

 

Was heißt es denn – und das gilt nicht nur für die Buddha-Lehre allgemein, sondern ebenso auch für die Sonderform des Zen – andere Wesen zu retten? Die Antwort kann nur lauten: Ihnen den Zugang ins ‚Erwachen‘ zu eröffnen, chinesisch , japanisch satori, durch ein und dasselbe Schriftzeichen vertreten (hierzulande spricht man da gern von ‚Erleuchtung‘, doch das ist unzutreffend: schon der Name ‚Buddha‘ bedeutet nicht ‚der Erleuchtete’, sondern lediglich ‚der Erwachte‘).

 

Wie aber soll das vor sich gehen, andere ins ‚Erwachen‘ zu bringen? Im Zen bietet es sich an, zunächst einmal die äußeren Voraussetzungen bereitzustellen: durch regelmäßige Sesshin, durch das Angebot von Dokusan oder Sanzen, das Einzelgespräch mit dem Rôshi, oder durch Lehrvorträge, Teishô genannt. Auch diese „Äußerlichkeiten“ gehören zum Werkzeug eines Bodhisattva. Das Entscheidende sind jedoch die Inhalte dessen, was jemand zur Erfüllung seines Bodhisattva-Gelübdes an sprachlicher Mitteilung aufbieten kann. Und da beginnen die Schwierigkeiten: Der Bodhisattva kann noch so rhetorisch brillant, noch so von eigener Einsicht, eigener spiritueller Erfahrung erfüllt sein – er ist kein Magier, der sein Gegenüber in einen anderen Menschen verwandeln kann – ihm gleichwohl als hingebungsvolle Schüler diese Fähigkeit zuzuschreiben ist nicht als ‚Verblendung‘. Das ‚Erwachen‘, worin auch immer das bestehen mag, kann nur aus dem zu Errettenden selbst kommen, und hier setzt die individuelle Veranlagung ein. Sie bestimmt darüber, was für Erfahrungen spiritueller Art jedem von uns zugänglich sind, in welche Richtung sie unser Leben verändern und was wir uns schon vorweg von der Übung des Zazen jeweils erwarten. Der Bodhisattva, selbst wenn er denn das Recht hätte, die eigenen Erfahrungen zum Maßstab dessen zu machen, was er der oder dem Anderen zu vermitteln versucht, er kann nur Köder auslegen, Anregungen geben oder Hinweise anbieten, die aber nur dann als Hinweise überhaupt entzifferbar sind, wenn sein Gegenüber dem Angedeuteten von sich aus auf die Spur kommt. Der Bodhisattva mag sich zwar im Überschwang seiner eigenen Erfahrungen zutrauen, ja hinreichend fähig glauben, sein Gegenüber tatsächlich in ein anderes Leben, das eines ‚Erwachten‘ zu versetzen, doch das ist gleichfalls nur ‚Verblendung‘.

 

Nehmen wir als ernüchterndes Beispiel die Zen-Gedichte des Verfassers. Aus dem Überschwang des unmittelbaren Erlebens geboren (nicht alle, doch zum weitaus größeren Teil), haben sie sich anheischig gemacht, im Leser, in der Leserin, zumal wenn er oder sie sich als Adressat einer Widmung angesprochen sieht, eine vergleichbare Erfahrung zu evozieren: ‚Mehr will Liebe als hilfsbereit sein, / Liebe will glücklich seh’n, / Und Glück kennt sie größeres keines / Als diesen Freudenstrom. // Dass auch die darin treiben, / Denen die Liebe gilt, / Uferlos und ins Offene hin, / Das ist ihr Ziel.‘ Doch eine noch so schwungvolle Sprache, noch so überraschende Metaphern, noch so kühne Wendungen in Rhythmus und Satzbau vermögen nicht, einen anderen Menschen in eben den Zustand zu versetzen, von dem das jeweilige Gedicht spricht – so sehr wir uns das auch wünschen mögen. Jeder Leser, jede Leserin kann nur das in einem dieser Gedichte entdecken und nachvollziehen, was ihm oder ihr aus eigenem Erleben zugänglich ist.

 

Das Fazit solcher Überlegungen kann nur darauf hinauslaufen, dass wir uns als mögliche oder nur erträumte Bodhisattvas Bescheidenheit angewöhnen müssen, die Bescheidenheit, uns darauf zu beschränken, bei einem anderen Menschen nur das ans Licht bringen zu wollen, was dort ohnehin, nur halt im Verborgenen, vorhanden ist. Sonst kann es uns, die wir nichts als helfen wollen, passieren, unser Scheitern auf den Kopf zu gesagt zu bekommen: „Du willst mich zu etwas nötigen, was mir wiederstrebt, und deshalb müssen sich unsere Wege trennen!“ Gerade bei Menschen, die uns wichtig sind, ist die Diskrepanz zwischen dem, was wir als selbsternannte Bodhisattvas vermitteln wollen, und dem, was wir dabei tatsächlich erreichen können, besonders groß – bis hin zur Gefahr eines Bruchs. Die daraus resultierende Einsicht in unsere Ohnmacht, andere Wesen, ja sogar alle anderen Wesen kraft eigener vermeintlicher spiritueller Vormundschaft retten zu können, ist die unerlässliche Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander, für eine ertragreiche ‚Synergie‘ unterschiedlicher spiritueller Strebungen.

 

 - Dietrich Roloff -