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Ein Geständnis, vielleicht sind es auch zwei – und ein trotziger Epilog

Bei meinem letzten Japan-Aufenthalt bin ich während eines Zazenkai gegen meinen Willen mit dem Keisaku geschlagen worden – wie es in Japan allemal denen geschieht, die während des Zazen aus der Rolle, will sagen, aus der vorgeschriebenen Haltung herausfallen. Damals war ich und bin mir auch heute noch keiner Nachlässigkeit bewusst – aufrecht und reglos habe ich dagesessen. Der einzige Grund für die mir auferlegte Korrekturmaßnahme war, dass ich – vorsätzlich – die Augen geschlossen gehalten habe. Gleich nach diesem ‚Angriff auf meine körperliche und geistige Unversehrtheit‘ habe ich die Augen erneut geschlossen und das bis zum Ende des Zazenkai durchgehalten – wild entschlossen, bei einer erneuten ‚Züchtigung‘ dem Angreifer den Keisaku aus den Händen zu winden. Doch dazu kam es nicht mehr; eine weitere Attacke fand – zu meinem leisen Bedauern – nicht mehr statt.

 

Und jetzt das Geständnis Nummer Zwei: Selbstverständlich habe ich gleich bei meinem ersten Sesshin 1987 und den damaligen Einweisungen für die Anfänger aufgetragen bekommen, beim Zazen die Augenlider nur zu Dreivierteln geschlossen und den restlichen Blick schräg abwärts auf den Boden gerichtet zu halten. Zugleich aber ist mir – Rinzai-konform – das Kôan MU auferlegt worden. Beides zusammen erwies sich alsbald als eine auf Dauer unhaltbare Zwickmühle. Die Augen offen zu halten erforderte eine immer wiederkehrende Aufmerksamkeit und das Kôan MU verlangte eine sogar durchgehende Konzentration, die Silbe MU bei jedem Atemzug in sich hinein zu sprechen – geräuschlos versteht sich. Die Konzentration auf MU samt anempfohlener Bauchatmung hatte zur Folge, dass mir die Augen immer wieder zufielen, und das leichte Erschrecken, schon wieder mit geschlossenen Augen dazusitzen, samt neuerlichem Anlauf, den Blick offen und starr auf den Boden gerichtet zu halten, ließ mich von MU wegdriften. Da MU mir der wichtigere Teil der Übung schien, gab ich es nach einer Weile auf, zwanghaft auf den Boden zu starren. Also blieben die Augen irgendwann dauerhaft geschlossen.

 

Ebenfalls selbstverständlich war die Aufforderung, die Augen stets offen zu halten, mit der Warnung begründet worden, mit geschlossenen Augen dazusitzen verleite zu Träumereien. Und in der Tat drängten sich bei geschlossenen Augen immer wieder Bilderfolgen vor das Kôan MU, die sich jedoch, kaum dass ich mir ihrer bewusst geworden war, durch Rückkehr zur Silbe MU verscheuchen ließen. Unvermeidlich daher der Entschluss, lieber zugunsten von MU in der Dunkelheit hinter geschlossenen Lidern etwaige Träumereien zu bekämpfen, als immer wieder von MU zur kontrollierten Aufrechterhaltung des Blicks abzuschweifen.

 

Auf die Dauer gesehen erwies und erweist sich das Schließen der Augen für mich sogar als inhaltlicher Gewinn: Die Konzentration auf MU im Sinne des grundlegenden Axioms ‚Da ist nichts!‘ erfuhr und erfährt durch die Auslöschung des Blicks wirksame Unterstützung. In der blicklosen Dunkelheit verschwindet, kaum dass die Augen sich schließen, zugleich auch die Welt, und mit dem Wegfall der Träumereien ebenso auch das Ich. MU stellt sich ein, im Sinne seines ‚Da ist nichts mehr!‘ Während der aufrechterhaltene Blick eine letzte Verbindung zu äußeren Welt beibehält, erlaubt die Dunkelheit geschlossener Augenlider eine vollständige Loslösung, wie sie im Rinzai-Zen mit dem dà sĭ , dem ‚vollständig Sterben‘ bzw. dem ‚großen Tod‘ gefordert ist.

 

Bei anderen Kôan fällt der Vorteil der geschlossenen Lider gegenüber dem zwar verschwimmenden, gleichwohl fortbestehenden Blick auf Anhieb ins Auge. Denken wir an Yun-mens Ausspruch: ‚Mein Wanderstab verwandelt sich in einen Drachen und verschlingt Himmel und Erde!‘ Da ist also, von einem Augenblick zum anderen, in der Schwärze des Nichts nichts mehr vorhanden. Oder an Xue-fengs ‚Hirsekorn‘: ‚Die ganze große Erde nehme ich mit meinen Fingerspitzen auf, so groß wie ein Hirsekorn, und werfe sie vor euch hin!‘ Auch da ist die Welt urplötzlich verschwunden – verwandelt in die unauffindbare Kleinheit eines obendrein irgendwohin geworfenen Hirsekorns.

 

Und auch das ist noch nicht alles. Die Erfahrung des ‚Da ist nichts‘ und ebenso das ‚vollständig Sterben‘ laufen gleichermaßen auf einen Absturz ins Bodenlose hinaus und sind zwangsläufig mit äußerstem Erschrecken verbunden – einem Erschrecken, das sich eher in der Dunkelheit des Blickverzichts einstellt als bei einem Zazen, das unter nur halb oder dreiviertel geschlossenen Lidern die Bindung an die Welt fortbestehen lässt. So hat die Absage an das Offenhalten der Augen über den Anschein eines bloß technischen Kunstgriffs hinaus die inhaltliche Bedeutung, uns dem Ziel eines auf MU ausgerichteten Zazen wirksam näher zu bringen.

 

Diese Bevorzugung eines Zazen mit geschlossenen Augen, wie sie aus meinem ‚Geständnis‘ spricht – ist sie nur eine persönliche Marotte oder kann aus ihr auch eine generelle Folgerung abgeleitet werden? Auf den ersten Blick stehen dem die Tausend und Abertausend figürlicher Darstellungen Buddhas und seiner Bodhisattvas entgegen, die seit Jahrhunderten die Kunstgeschichte bevölkern. Sie alle zeigen jeweils einen in dauerhaften Samâdhi Versunkenen, der die Augenlider bis auf ein letztes Drittel oder Viertel geschlossen hält. Kann es ein überzeugenderes Argument für die traditionelle Aufrechterhaltung eines Restblicks geben? Und wie könnte insbesondere Avalokiteshvara, der ‚Tausendarmige‘, imstande sein, die Geschicke aller leidenden Wesen wahrzunehmen und zum Guten zu wenden, wenn er mit restlos geschlossenen Augen dasäße in seliger Enthobenheit? Letzteres ist natürlich nur eine rhetorische Frage. Und doch haben diese Gegenargumente keine besondere Überzeugungskraft. Denn der Samâdhi der ursprünglichen Buddha-Lehre war etwas anderes als das ‚vollständig Sterben‘, wie es sich dem heutzutage Übenden westlichen Zuschnitts darstellt. Samâdhi, das hieß vormals, sich die ‚Leerheit‘ der ‚Fünf Skandhas‘ sowie das ‚bedingte wechselseitige Entstehen‘ alles Seienden vor Augen zu halten und folglich, weiterhin auf die Welt ausgerichtet, diese ihrer uns allzeit bedrängenden Schmerzensmacht zu entkleiden. Von einem schmerzhaften, ja Entsetzen auslösenden Sturz ins Bodenlose war dabei niemals die Rede. Stattdessen ging es darum, mit einem gelassenen, gleichsam magischen Blick den Dingen der Welt ihr Gewicht und ihre uns verstörende Kraft zu entziehen, ohne sie allerdings gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Für diese Haltung waren und sind die weitgehend geschlossenen Augen, die gleichwohl einen letzten Blick auf die Welt erlauben, die einzig angemessene Metapher: ‚Wir sehen zwar weiterhin alles, was in der Welt geschieht, aber es kann unsere unerschütterlich-heitere Ruhe nicht länger trüben.‘ Soll es jedoch darauf ankommen, im Sinne des Kôan MU in einen Zustand des ‚Da ist nichts!‘ einzutreten, um daraus in die Welt und ins Leben zurückzukehren, nicht in irgendeines, sondern in ein ‚spielerisch-vergnügliches Leben ohnegleichen – dann ist ein Zazen, das sich in die Schwärze hinter gänzlich geschlossenen Augenlidern vertieft, das geeignete Mittel.

 

So haben wir die Wahl zwischen zwei höchst unterschiedlichen Welt- und Lebensentwürfen: hier das Projekt der Buddha-Lehre, die uns eine durch nichts zu erschütternde heitere Gelassenheit im Angesicht einer gleichsam entmachteten Welt als höchstes Ziel anbietet, und dort ein aktives Leben, das aus der Erfahrung des ‚Da ist nichts!‘ die Kraft schöpft, ‚mit einer Tragestange für hinreichende Wegzehrung quer über den Schultern unerschrocken hineinzugehen die Bergwelt der tausend und zehntausend Gipfel‘!

 

 - Dietrich Roloff -