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Das Kôan des Monats: Bi-yan-lu 39

Auf die Frage eines Mönchs: rú-hé shì qīng jìng fă-shēn, ‚Was hat es auf sich mit dem reinen und klaren Wahrheitsleib?‘, sagte Yun-men: huā yào lán, ‚Blüte – Medizin – Umzäunung!‘

 

Gundert, der Altmeister, macht aus den drei Schriftzeichen huā yào lán ein „rundes Beet von blühenden Päonien dicht beisammen“ und lässt so seiner Phantasie freien Lauf. Das sei ihm so vergönnt wie verziehen. Wenn aber Thomas Cleary, der Großübersetzer, an dieser Stelle von ‚a flowering hedge‘ spricht, was nichts anderes bedeutet als eben die „blühende Hecke“, die wir bei Lengsfeld/Yamada finden, so ist das als schlechterdings unzulässig zurückzuweisen. Immerhin aber könnten die drei Herren mit ihrer Übersetzung für sich in Anspruch nehmen, dass ihre „Hecke“ nicht nur einen Zutritt zu versperren, sondern ebenso ein Hindurch- und Hinaustreten zu verhindern vermag. Dass Yun-men genau Letzteres gemeint hat, zeigt der Fortgang der Partie: Der Mönch möchte desweiteren von Yun-men wissen, wie es zu bewerten sei, wenn daraufhin „einer“ – und damit meint der Mönch zweifellos sich selbst – „einfach so davongeht“, aus und trotz der ‚Umzäunung‘, woraufhin Yun-men zur Antwort gibt, dann sei der ein mut- und kraftstrotzender „Goldhaar-Löwe“! Im Sinne eines solchen Fazits möchte ich in meiner obigen Übertragung den Begriff ‚Umzäunung‘ verstanden wissen: Für den, der sich an den ‚Wahrheitsleib‘(fă-shēn, dharmakâya) als eine Medizin hält, wird eben dieser ‚Wahrheitsleib‘, die shûnyatâ, zu einem Gefängnis, das ihn vom freien und richtigen Leben fernhält.

 

Grundsätzlich sind Kôan dazu gedacht, uns von der ersten Etappe des Zen-Weges hinüber in die zweite zu katapultieren, die des ‚Durchbruchs‘, der Erfahrung von shûnyatâ. Und solange wir uns in dieser zweiten Etappe bewegen, dienen die Kôan dazu, das Gelingen eines Lebens aus shûnyatâ zu vertiefen. Haben wir dann die dritte Etappe des Zen-Wegs erreicht und die shûnyatâ , genauer gesagt, die Erfahrung von shûnyatâ hinter uns gelassen, sind Kôan keineswegs sinn- und wertlos geworden. Sie lassen lediglich, wenn wir uns ihnen wieder zuwenden, einen anderen Aspekt an sich hervortreten – den eines unangefochtenen ausschließlichen Hierseins.

 

Das alles trifft auch auf das Kôan Bi-yan-lu 39 zu. Am Ort der höchsten Wirksamkeit eines Kôan, dem Übertritt und der Vertiefung in die zweite Etappe des Zen-Weges, hat es mit Yun-mens huā yào lán folgende Bewandtnis.

 

Stichwort ‚Blüte‘: Vermutlich eine Anspielung auf die weiße Udumbara-Blüte, die der Legende nach der historische Buddha auf dem Gridhrakûta seinen nach Zehntausenden zählenden Anhängern statt der erhofften letzten Lehrrede wortlos entgegengehalten hat. Ich persönlich sehe da lieber die weiße Blüte einer wildwachsenden Trichterwinde vor mir. Das schweigende Weiß und der Sog, den der Blumentrichter auf das Auge ausübt, symbolisieren die Stille einer wortlosen Versenkung, in der sich das dà sĭ, das spirituelle Sterben, vorbereitet – unerlässliche Voraussetzung für die Erfahrung von shûnyatâ. Die ‚Blüte‘ vertritt also eine Verlockung besonderer Art, der wir uns auf dem Weg in die zweite Etappe aussetzen müssen, um schließlich mit dem Ausbruch aus der uns umklammernden Unmittelbarkeit der Lebenswelt beschenkt zu werden.

 

Stichwort ‚Medizin‘: Die Erfahrung von shûnyatâ, auf die das spirituelle ‚vollständig Sterben‘ hinausläuft, befreit uns von unseren Kümmernissen, unseren Sorgen und Ängsten, unseren Zwängen, unserer hemmungslosen Ich-Bezogenheit; sie macht uns weit und leicht und bietet uns zugleich inmitten der Unsicherheit der Dinge einen unerschütterlichen Stand. So erweist sich die Erfahrung von shûnyatâ als eine regelrechte ‚Medizin‘, die umso unverzichtbarer wird, je mehr uns von ihr zufällt und wir ihr verfallen – shûnyatâ als ein Ort der Zuflucht, der uns ansaugt und festhält und damit –

 

Stichwort ‚Umzäunung‘ – uns daran hindert, uns auf die Bewährungen und Belohnungen der Lebenswelt einzulassen, deren Umklammerung wir zuvor durch die Anstrengungen unserer Zen-Übung mühsam entkommen sind. Wir sehen uns der Gefahr ausgesetzt, dem, was die Welt der Vergänglichkeit an Beglückendem für uns bereithält, nur Geringschätzung entgegenzubringen – wie es zumindest dieser oder jener Chan-Meister des alten China befürchtet hat.

 

Es kann aber auch ganz anders kommen: Die Erfahrung von shûnyatâ überkommt uns wie ein Absturz ins Bodenlose, von heftigstem Erschrecken begleitet; doch dieses Entsetzen schlägt augenblicks um in eine rauschhafte Bejahung von Mensch und Welt. Und in dieser Umkehrung liegt wie in einem Keim bereits die dritte Etappe des Zen-Weges beschlossen.

 

In ihr angekommen, haben wir – wie einleitend bereits eingestanden – eine shûnyatâ, ja sogar noch die bloße Erfahrung einer shûnyatâ hinter uns gelassen. Es gibt, bei der unzweifelhaften Identität von ‚Wahrheitsleib‘ und shûnyatâ, für uns auch keinen fă-shēn oder dharmakâya mehr, womit schon die Ausgangsfrage des Mönchs an uns vorbei ins Leere zielt. Daher spielt auch ein fă-shēn/dharmakâya bzw. eine shûnyatâ als ‚Medizin‘ für uns keine Rolle mehr und von einer ‚Umzäunung‘, die uns in dem Zufluchtsort einer ‚wahren Wirklichkeit‘ festhält, kann erst recht keine Rede mehr sein. Was bleibt, ist hingegen statt eines jenseitigen ‚Wahrheitsleibes‘ der durch und durch innerweltliche Blütenkelch der Trichterwinde – mit ihrem „reinen und klaren“, ihrem makellosen Weiß, das uns als Unterpfand unseres vorbehaltlosen spirituellen Eingesenkt-Seins in die irdische Welt gilt – in unsere angestammte Heimat, die gründlich zu zerstören wir in den letzten und nächsten Jahrzehnten sehenden Auges beschäftigt sind.

 

- Dietrich Roloff -