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„Er hat seinen Glauben verloren“ – ein Missverständnis

Wenn jemand wie der Verfasser dieser Zen-Reflexionen ernsthaft davon abrät, sich weiterhin an die „heiligen“ Texte des traditionellen Zen zu halten, sie regelmäßig zu rezitieren und zu Wegweisern der eigenen Übung zu erheben, der sieht sich leicht dem Vorwurf oder immerhin dem vorwurfsvollen Bedauern ausgesetzt, „er habe seinen Glauben verloren“.

 

Aber warum sollte jemand überhaupt vor diesen „heiligen“ Texten warnen? Nun, weil sie Aussagen enthalten, die Wahrheit, sogar unumstößliche Wahrheit für sich beanspruchen, doch in Wahrheit nur Lug und Trug sind, insofern sie vor einem aus der Übung selbst erwachsenden Nachdenken keinen Bestand haben. An ihnen, deren Wortlaut und Gehalt ja allemal der gleiche bleibt, dennoch festzuhalten bedeutet, die eigene spirituelle Entwicklung zu blockieren und eingezwängt ‚in irgendeiner Ecke‘, der dieser „heiligen“ Texte, ‚für immer sitzen zu bleiben‘ (Nietzsche).

 

An dieser Stelle wären zwei Einwände und Ausflüchte möglich: Wir können doch einfach die besagten Texte in ihrer sino-japanischen Form aufsagen, ohne uns um etwaigen Inhalt zu kümmern – so, als sängen wir Morgensterns ‚Großes Lalula‘. Und nachzudenken gilt bei der Übung des Zazen als geradezu kontraproduktiv – geht es beim Zazen doch gerade darum, sich aller Gedanken zu entschlagen und sich leeren Geistes dem Prozess der Versenkung zu überlassen. Wie sollte da aus der Übung selbst ein Nachdenken erwachsen?

 

Gemach, gemach. Den religiös-philosophischen Gehalt der „heiligen“ Texte nicht zur Kenntnis zu nehmen, lässt sich auf Dauer nicht durchhalten. Irgendwann – auf einem überregionalen Sesshin oder in einer örtlichen Zen-Gruppe – sehen wir uns plötzlich einer Übersetzung in unsere Muttersprache konfrontiert. Voll Erstaunen haben wir dann fremdartige, zunächst auch unverständliche Aussagen vor uns; und je größer der Nachdruck, mit dem die Mit-Übenden nicht nur auf dem sino-japanischen Wortlaut, sondern auch auf dem Sinn der Texte bestehen, desto weniger kommen wir um den Versuch umhin, uns diesen Sinn auf eigene Faust zurechtzulegen. Erst recht, wenn ein Rôshi oder sonstiger Lehrer dazu übergeht, diesen oder jenen Text in einem Teishô ausführlich zu erläutern, setzt zwangsläufig unser Nachdenken ein: ‚Wie stelle ich mich zu dem, was ich da höre?‘, ‚Was mache ich für mich daraus?‘. Und schon ist es vorbei mit der Unschuld des Nicht-Denkens.

 

Und eine Zen-Karriere ohne kritische Reflexion? Schon zu Beginn unserer Übung begleiten wir das, was wir da tun, gedanklich: ‚Sitze ich in korrekter Haltung?‘, ‚Bleibt meine Bauchatmung gleichmäßig und gründlich genug?‘ Darüber hinaus haben wir, ob nun von vornherein oder erst nach einiger Bekanntschaft mit der Praxis des Zazen oder aufgrund der Verheißungen des Lehrers, bestimmte Vorstellungen davon, was bei länger anhaltender Praxis herauskommen soll. Und schon wieder, oder sogar jetzt erst recht haben wir Anlass, uns den Stand unserer Übung bewusst zu machen –auch das ein gedanklicher Prozess, diesmal sogar ein Akt selbstkritischer Prüfung. Ob wir dann anfangen, unsere persönlichen Ziele und Erfahrungen an den Aussagen der kanonischen Texte zu messen oder andersherum die Glaubwürdigkeit der Texte anhand unserer eigenen Erfahrungen kritisch zu überdenken – in beiden Fällen hat ein Prozess begleitenden Denkens eingesetzt, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Wir bedürfen einer Selbstverständigung, und die fällt letztlich allemal kritisch aus. Mag sie anfangs auf das stolze Eingeständnis hinauslaufen, das selbstgesteckte Ziel erreicht zu haben, so macht sie doch letzten Endes nicht Halt davor, kritischen Einwänden Raum zu geben: Unsere Redlichkeit uns selbst gegenüber zwingt uns auch zu Eingeständnissen von Irrtümern, denen erlegen zu sein uns freilich keine Schande macht.

 

So hat sich der Betreiber dieses Blogs anfangs allzu gerne dazu verleiten lassen, an eine ewige Buddha-Natur zu glauben, in der sich aufgehoben zu wissen durchaus mit Hochgefühlen verbunden war. Noch in seinen Gedichten spiegelt sich diese Exaltation deutlich wieder; und wenn diese Hochgefühle später einem Zustand der Stille und des Friedens gewichen sind, so liegt darin, sich nunmehr zu dieser Neuerung zu bekennen, kein Eingeständnis eines Irrtums, sondern lediglich das einer neuen Phase spiritueller Entwicklung. Anders mag es bei der Einsicht sein, mit dem Glauben an die Existenz einer ewigen Buddha-Natur einem Irrtum aufgesessen zu ein; doch bedeutet das kein Eingeständnis eines Scheiterns, sondern umgekehrt einen Akt der ‚großen Loslösung‘ (abermals Nietzsche): War der Verfasser mit seinem anfänglichen Sehnsuchtsort einer ewigen Buddha-Natur, in Nietzsches Worten, ein ‚gebundener Geist‘, so kann er sich nunmehr als einen ‚freien Geist‘ verstehen, der die dogmatischen Fesseln des traditionellen Zen abgeworfen hat.

 

Sich von bestimmten Annahmen und Behauptungen loszusagen (etwa der Möglichkeit der Erfahrung einer objektiv gegebenen shûnyatâ, wie sie der Verfasser in seinen Cong-rong-lu-Kommentaren und halbherzig noch in seiner Ausgabe des Bi-yan-lu vertreten hat), heißt keineswegs, „seinen Glauben“, den Glauben an den Zen-Weg überhaupt „verloren zu haben“; vielmehr erleichtert es das Eingeständnis, dass eine Jahrzehnte lange Zen-Praxis eine Abfolge unterschiedlicher Phasen spiritueller Erfahrung umschließt (vorsichtiger formuliert: umschließen kann), innerhalb derer zunächst auch noch die abgeschwächte Erfahrung einer bloß subjektiv erfahrenen shûnyatâ ihren Platz hat, um schließlich einem Stadium zu weichen, bei dem shûnyatâ – das Äquivalent des chinesischen fó-xìng und unserer deutschen ‚Buddha-Natur‘ – überhaupt keine Rolle mehr spielt. Und was dabei den Übergang von einem Stadium zum nächsten vorantreibt, ist nicht zwangsläufig die kritische und selbstkritische Reflexion (wie bei dem Wechsel von einer ‚Erfahrung der shûnyatâ ‘ zur ‚Erfahrung von shûnyatâ ‘), sondern kann ebenso eine veränderte Weise des Erlebens sein, bei der die kritische Reflexion, Hegels ‚Eule der Minverva‘, erst nachträglich die unumgängliche Klärung der Lage herbeiführt (‚die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug‘ )*.

 

Kurz gesagt: Wer als ‚freier Geist‘ dem Zen-Weg zugesteht, sich als eine Abfolge unterschiedlicher Stadien zu erweisen, einer Abfolge obendrein mit prinzipiell offenem Ausgang, der weiß sich von einem vorwurfsvollen „Du hast deinen Glauben verloren!“ unbetroffen und unberührt: Was vom Anfang her gesehen wie ein Glaubensverlust aussehen mag, ist vom Ende her und in Wahrheit das Einverständnis mit dem Urgesetz des Lebens, dass alles, auch der Wandel auf dem Zen-Weg, dem Wandel unterworfen ist.

 

*Die Eule der Minerva - bei Hegel ist damit die Philosophie überhaupt gemeint - kann immer erst im Nachhinein bereits Bestehendes auf den Begriff bringen.

 

- Dietrich Roloff -