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Anti-Parmenides? – eine Einrede

Ganz so leicht sollten wir es uns mit Parmenides vielleicht doch nicht machen – das wäre leichtfertig; denn er hätte Besseres verdient, zum Beispiel diese ideengeschichtliche Abschweifung.

 

Parmenides‘ Lehre vom ‚Seienden‘ hat Auswirkungen bis in 20. Jahrhundert gezeitigt – bis zum Atommodel des Niels Bohr aus dem Jahr 1913, das seinem Entdecker 1922 den Nobelpreis für Physik eingebracht hat.

 

Der Erste, der sich dem Einfluss des Parmenides nicht hat entziehen können, ja ihn geradezu begierig aufgenommen und für seine eigenen metaphysisch-ontologischen Entwürfe genutzt hat, ist Platon gewesen. Auch Platon spricht von einem ‚wahrhaft Seienden‘ (ὄντως ὄν – wörtl. ‚seiendhaft Seienden‘), das unentstanden und unvergänglich ist und dem er unsere Welt des Entstehens und Vergehens (τὸ γιγνόμενόν τε κάι ἀπολλύμενον) gegenüberstellt. Allerdings löst Platon das ‚eine Seiende‘ des Parmenides in ein Vielzahl einzelner und unterschiedlicher ‚Seiender‘ auf, für die er die Termini ‚Idea‘ (ἰδέα) oder ‚Eidos‘ (εἶδος) erfindet (beides wörtl. ‚Aussehen‘, ‚Gestalt‘). Diese ἰδέαι oder εἴδη stellen die ‚Vorbilder’ dar, deren ‚Abbilder‘ die Dinge der sichtbaren Welt sind und deren handfeste Existenz darauf beruht, dass sie an der entsprechenden ‚Gestalt‘ (kein Geringerer als Goethe hat dafür den Begriff ‚Urgestalt‘ eingeführt) ‚teilhaben‘ (μετέχειν). In seinem von Mythen durchsetzten Spätwerk lässt Platon einen ‚Weltenschöpfer‘ bei seiner Gestaltung der Welt auf diese ἰδέαι oder εἴδη wie auf ein Modell schauen und die einzelnen Gattungen der Dinge nach deren Vorbild modellieren. (Sind Platons ‚Urgestalten‘ mithin ursprünglich außerhalb einer planenden Vernunft angesiedelt gewesen, so werden sie mit Plotin in den ‚Geist‘ hinein verlegt und verwandeln sich auf diese Weise in seine von ihm selbst erzeugten Inhalte. Bei Meister Eckhart bilden sie dann als die Entwürfe Gottes in ihrer Gesamtheit dessen ‚eingeborenen Sohn‘, in dem die Dinge der Welt gleichsam vorgebildet sind, um sich dann in der äußeren Welt zu verwirklichen. Dass die platonischen ἰδέαι oder εἴδη in einem der Welt zugrunde liegenden Prinzip anzusiedeln sind, diese These findet sich noch bei Schopenhauer und Schelling gegen Ende des 18.Jahrhunders. Und wenn wir heutzutage in der Alltagssprache wie selbstverständlich das Wort ‚Idee‘ verwenden, so folgen wir darin immer noch den Spuren Platons.)

 

Einen anderen Weg in der Nachfolge des Parmenides haben die Philosophen Demokritos und Leukippos eingeschlagen. Sie haben zum einen den stofflichen Charakter seines ‚Seienden‘ ernstgenommen und beibehalten und zum anderen dem ständigen Wechsel und Wandel der Dinge, wie er sich vor unseren Augen abspielt, Realität statt bloßer Täuschung zugestehen wollen. Ihr Kunstgriff: Sie haben das ‚eine Seiende‘ des Parmenides zersplittert, in eine unendliche Anzahl kleinster Teilchen aufgelöst, die jeweils genau die entscheidende Eigenschaft aufweisen, die Parmenides seinem ‚einen Seienden‘ zuschreibt: Sie sind weder jemals entstanden noch werden sie je verschwinden und sind während der unendlichen Zeitspanne ihrer Existenz unveränderlich, mithin auch nicht weiter zerteilbar, eben ‚Atome‘ (ἄτομον = ‚unteilbar‘). Durch ihr Zusammenspiel als Bausteine der konkreten Dinge ermöglichen sie deren Entstehen und bedingen sie deren Verwandlung und Auflösung.

 

Eine vollständige Erklärung der Welt aus dem Zusammenspiel der Atome haben wir sodann in dem großen Lehrgedicht des Römers Lukrez, De rerum natura, vor uns, das zu Beginn der Neuzeit zwei der bedeutendsten Denker beeinflusst hat: Descartes und Gassendi. Vor allem der Erstere hat eine ausführliche Darstellung der Welt auf der Basis des Zusammenwirkens kugelgestaltiger Atome verfasst, die er jedoch aus Furcht von der Inquisition, abgeschreckt durch das Beispiel Galileo Galileis, bis zum Ende seines Lebens in einem Schubfach seines Schreibpults versteckt gehalten hat.

 

Wie bereits eingangs bemerkt, reicht die durch Parmenides‘ Leugnung allen Wandels und aller Vergänglichkeit ausgelöste Gegenthese einer Welterklärung mithilfe der Annahme von ‚Atomen‘ bis in die moderne Atomtheorie und Quantenphysik. Im Niels Bohr’schen Atommodell kreisen die Elektronen als Korpuskel (‚kleine Körperchen‘) auf schalenförmig übereinander angeordneten Kreisbahnen um den Atomkern, der sich gleichfalls aus Korpuskeln, den Protonen und Neutronen, zusammensetzt. Und noch in der Kopenhagener Interpretation einer Quantentheorie, derzufolge sich auch die Protonen und Neutronen in noch kleinere ‚Teilchen‘, die sog. ‚Quarks’ zerteilen lassen, mit so sonderbaren Bezeichnungen wie ‚Up‘ und ‚Down‘, ‚Charm‘ und ‚Strange‘ sowie ‚Top‘ und ‚Bottom‘, gelten diese kleinsten Bestandteile der Materie anfänglich als Korpuskeln. Schließlich aber hat sich innerhalb der Quantenphysik die Auffassung durchgesetzt, dass das, was wir Materie nennen, ausschließlich aus ‚elektrischen Feldern‘ besteht, die mit ihren auf keinen eindeutigen Ort festzulegenden elektrischen Ladungen interagieren.

 

So hat Parmenides, wenn auch gegen seinen Willen und in Verkehrungen seiner Absichten, die Ideengeschichte des Abendlandes wesentlich mit bestimmt. Erst als sein ‚Seiendes‘, und sei es in Gestalt von Atomen und Korpuskeln, seine innere Festigkeit an etwas derart Fließendes wir ‚elektrische Felder‘ hat abgeben müssen, hat Parmenides seinen wirkungsmächtigen Einfluss eingebüßt und in der Versenkung verschwinden können.