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Zen – Lebensfreude, Gelassenheit und Tod

Die Dreiteilung des Zen-Weges, wie sie einem Qing-yuan Xing-si aus dem 7./8.Jahrhundert in den Mund gelegt wird, gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die einem Zen-Anfänger gleich zu Beginn unter die Nase gerieben oder, etwas freundlicher formuliert, mit auf den Übungsweg gegeben werden. Passieren kann es gleichwohl. So zum Beispiel Ende der Achtziger Jahre bei einem Sesshin der deutschen Vertreter der Ôi Saidan-Linie des Myôshinji-Komplexes. Wir Neulinge waren uns vermutlich unserer Erwartungen an den Zen-Weg noch gar nicht so recht bewusst. Wir waren gerade dabei, Neuland zu betreten, und offen für jeden Hinweis, auf welche Ziele wir uns ausrichten sollten. Da hieß es dann, es gehe darum, auf dem Wege des Samâdhi ‚ein Buddha zu werden‘, zum Kenshô, der ‚Schau des eigenen Wesens‘, ‚durchzubrechen‘ und doch darauf vorbereitet zu sein, dass wir aus dem Hochgefühl, das mit dem Kenshô einhergehe, letztlich in das Flachland des gewöhnlichen Lebensgefühls würden zurückkehren müssen. Da saßen wir nun, in mustergültiger Verkörperung der ersten Etappe des Zen-Weges mit Eifer darum bemüht, unser erstes Kenshô zu erfahren. Als Mittel der Wahl wurde uns sogleich das Kôan MU auferlegt; doch es sollten noch viele weitere Kôan folgen, die uns eins ums andere der Erfahrung des ‚Großen Todes’ nähergebracht haben. Als es dann endlich soweit war, überraschte uns ein regelrechter Rausch an Lebensfreude, was sich zu der Gewissheit verdichtete, dass der Absturz in den bodenlosen Schacht des Sterbens uns immer wieder aufs Neue mit einer Lebensfreude beschenkt, die nicht nach einem Sinn fragt und sich selbst genügt.

 

Spätere Ausbrüche eruptiver Welt- und Lebensfreude müssen nicht unbedingt die Folge systematischer Versenkung sein – sie können jederzeit in den unterschiedlichsten Situationen noch durch so unscheinbare Stimuli wie einen Waldrand am Abend, einen Wolkenzug unter blauem Himmel, das Kreisen eines Raubvogels im Aufwind ausgelöst werden, allemal aber eingebettet in die Erfahrung von Shûnyatâ, einer allumfassenden Leere als Hinter- und Untergrund der konkreten Dinge rings um uns her. Wir haben damit ein Plateau von Hochgestimmtheit erreicht, das sich, wie meine immer wieder neu einsetzenden Zen-Gedichte zeigen, über Jahre hinweg erstrecken kann. Wir schwelgen in den heimlichen Ekstasen der zweiten Etappe des Zen-Weges und können uns nicht vorstellen, dass es je anders kommen kann.

 

Und doch kommt es anders, allmählich und vorerst unbemerkt. Die Dinge gewinnen an Festigkeit und Dichte. Sie sind nicht länger nur Oberfläche über den bodenlosen Tiefen der Shûnyatâ. Die Welt schließt sich zu einem in sich ruhenden Ganzen zusammen, hinter dem keine Shûnyatâ mehr lauert. Manchmal mag Enttäuschung aufkommen, dass mit dem mehr und mehr verblassenden Einbruch von Shûnyatâ auch die Aufschwünge zu rauschhafter Lebensfreude ausbleiben. Dass dabei auch das paradoxe Phänomen, uns ausgerechnet in der alles aushöhlenden ‚Großen Leere‘ aufgehoben und zuhause zu fühlen, verschwindet, gibt allerdings keinen Anlass zu rückblickender Trauer. Denn es sieht sich durch die gleichbleibende Geborgenheit ersetzt, die uns wie selbstverständlich das dichte Gefüge der Dinge verleiht. Damit sind wir in der dritten Etappe des Zen-Weges angekommen, die ich oben etwas despektierlich als ‚Flachland‘ bezeichnet habe. Doch es ist das die Lebensspanne des ‚erfüllten Augenblicks‘; wir brauchen nur einen Augenblick in der Geschäftigkeit der alltäglichen Lebensvollzüge innezuhalten, um uns des Friedens und des Glücks bewusst zu werden, die darin liegen, einfach nur hier zu sein.

 

Gelassenheit ist das durchgängige Gefühl, das fortan unsere Befindlichkeit bestimmt. Wir sehnen uns nicht länger über das hier und jetzt Gegenwärtige hinaus in ein Anderes , das uns ein Mehr an Glück verspricht. Ein solches Mehr an Glück, wenn es das denn gäbe, spielt für uns keine Rolle mehr – wir haben es nicht nötig. Das Staunen über einen nördlichen Nachthimmel zur Zeit der Sommersonnenwende erfüllt uns mit einer Zufriedenheit, die keiner Steigerung bedarf. Und in eben einem solchen Staunen, das uns so ganz von uns selbst absehen lässt, liegt auch das Geheimnis unseres Glücks und unserer Gelassenheit.

 

Ein ganz wichtiger Aspekt dieser Gelassenheit ist bisher unerwähnt geblieben – dass sie auch durch das Wissen um unsren Tod nicht getrübt wird. Irgendwann müssen wir sterben. Diese Gewissheit können wir in der Jugend und bis in die Fülle der Lebensmitte hinein noch leicht von uns schieben. Mit fortschreitendem Lebensalter aber drängt sie sich immer unabweisbarer auf. Und doch hat sie, in der dritten Etappe des Zen-Weges, keinen Schrecken mehr. Nicht, weil wir uns in einer ‚ewigen Buddha-Natur‘ unsterblich vorkommen dürfen (diese Art Trost ist uns mit dem Wegfall einer real existierenden Shûnyatâ für immer genommen), sondern – so paradox nunmehr diese Erfahrung erscheinen mag – aus unserer radikalen, und das heißt, restlosen Sterblichkeit heraus. Warum das so ist, mag deutlich werden, wenn wir uns unter der gegebenen Prämisse auf eine beliebig auszuweitende Todes-Meditation einlassen.

 

In was für einem Zustand befinden wir uns, wenn wir gestorben, wenn wir tot sind? Oder ist diese Frage von vornherein falsch gestellt – weil dasjenige, dem da ein bestimmter Zustand zugeschrieben werden soll, gar nicht mehr existiert? „Nicht-Seiendes ist nicht!“, dekretiert – um ihn noch ein letztes Mal zu zitieren – Parmenides; und was „nicht ist“, kann sich auch nicht in einem wie auch immer gearteten Zustand befinden. Sicherlich gibt es Menschen – und das dürften nicht wenige sein – die aufgrund bestätigter Berichte über Nah-Todes-Erfahrungen davon überzeugt sind, mit dem Tod in eine Welt aus Licht und Frieden einzutreten. Doch die einschlägigen ‚Berichterstatter‘ sind ja keine Rückkehrer aus dem Totenreich; vielmehr haben sie sich dem Tod lediglich angenähert, sind also weiterhin in einem wenn auch rudimentären Leben befangen gewesen. Und was sie in diesem Schwebezustand zwischen Leben und Tod erfahren haben, sind nichts als Erzeugnisse ihres Zentralnervensystems, das ihnen das angeblich gleißende Licht am Ende eines dunklen Tunnels nur vorspiegelt (über die unglaublichen Kunststücke, die unser Gehirn uns auch sonst vorführt, brauchen wir uns hier nicht weiter zu verbreiten).

 

Belassen wir es also dabei, dass es uns, wenn wir tot sind, nicht mehr gibt. Was aber bedeutet das, von uns als Lebenden aus gesehen? Nun, dass sich das, was am Ende des Sterbeprozesses, wenn der ‚point of no return‘ erreicht und gleichsam überschritten ist, nur negativ vorwegnehmend beschreiben lässt – durch Wegfall immer weiterer Details, die insgesamt den Inhalt unseres Bewusstseins ausmachen können. Wir wissen, ein Subjekt dieses Nicht-Wissens kontrafaktisch unterstellt, nicht mehr, dass es uns je gegeben hat; wir wissen nicht mehr, dass da eine Welt gewesen ist, in der wir gelebt haben und gestorben sind; wir wissen nichts mehr von der Zeit vor unserer Existenz, erst recht nicht von der unermesslichen Zeitspanne, seit das Weltall vor ca. 13,5 Milliarden Jahren aus dem ‚Nichts’ entstanden ist, noch von einer näheren, persönlichen oder von einer abstrakten und ebenso unvorstellbaren Zukunft, bis der Stern, der auf dem Planeten Erde überhaupt Leben ermöglicht, in weiteren 3,5 Milliarden Jahren sich zu einem ‚Roten Riesen‘ aufblähen und die Erde in sich verschlingen wird. Wir wissen nichts mehr von der Geborgenheit, die wir inmitten der Dinge haben erfahren können, und nichts vom dem Gefühl der Verlorenheit, das uns im Angesicht der Leere und Weite des Weltraums hat überkommen können. Wir wissen nichts mehr davon, wer wir gewesen sind; wie uns das Leben geführt hat, zu welchen Höhen und Tiefen; was unsere dunkelsten Stunden gewesen sind und welche Anlässe wir zu überbordender Freude gehabt haben. Wir wissen nicht mehr, was alles wir versäumt haben, und nichts mehr von den Hoffnungen, die unerfüllt geblieben sind. Wir wissen nicht mehr, wen wir im Laufe unseres Lebens geliebt und verloren haben, und nichts mehr von denen, die uns in wechselseitiger Verbundenheit bis zum letzten Augenblick begleitet haben. Wir verspüren keinen Verlust, keine Trauer, keine Sehnsucht, keinen Schmerz, keine Verzweiflung – weil wir gar nichts mehr verspüren, und wir verspüren gar nichts mehr, weil es uns nicht mehr gibt.

 

Doch wie kann das sein, dass uns die Aussicht auf eine solche restlose Auslöschung nicht mit Entsetzen erfüllt? Das hat einen ganz pragmatischen Grund. Dank des Kôan MU und der daraus resultierenden Einübung ins Sterben sind wir Zen-Gänger gewohnt, von uns abzusehen, uns aufzugeben und dabei ganz getrost zu bleiben. In der zweiten Etappe des Zen-Weges leitet die „nichtende“ Erfahrung von Shûnyatâ über in ein überschäumendes Leben ‚aus nichts‘, das von sich selbst weiß, keinen festen Grund zu haben, und das gleichwohl, bereit auch zu einem endgültigen Absturz ins Verschwinden, seine Hinfälligkeit – die Schönheit der Welt auskostend – in vollen Zügen genießt. In der dritten und letzten Etappe des Weges bleibt davon die Gelassenheit, ruhend inmitten der Welt eines endgültigen Erlöschens allemal gewärtig zu sein. Da ist für Entsetzen kein Raum.

 

Soweit ein Zen-Weg à la Qing-yuan Xing-si. Was aber, wenn uns, noch so ganz und gar Anfänger, nicht von vornherein das Auf und Ab des Zen-Weges, der Aufschwung durch den ‚Großen Tod‘ und der Frieden des Einfach-nur-hier-Seins, vor Augen gestellt werden? Dann müssen wir nicht einem Kenshô nachjagen, brauchen nicht den ‚Durchbruch‘ zur Shûnyatâ zum vorrangigen und alles entscheidenden Ziel zu erheben. Dann tritt vielmehr Mushin, das ‚Nicht-Denken‘ in sein Recht ein; wir suchen in uns nach einer Stille, die uns aus den Zwängen des Alltags befreit und unserem Leben eine neue Ausrichtung geben kann, indem sie uns für die schlichten Freuden des Daseins (den Anblick eines Sonnenuntergangs), für die Schönheit des Einfachen (eine alte Teeschale, ausgefüllt von Krakelee) und für das Glück der Beschränkung (einst ‚nüchterne Trunkenheit‘ genannt) empfänglich macht. Zazen, das ‚Sitzen in Versenkung‘, verleiht uns neue, zusätzliche Kraft und beschenkt uns mit einer bis dahin ungewohnten ‚Leichtigkeit des Seins‘. Zufriedenheit und Gelassenheit sind entscheidender Teil und entscheidendes Ziel auch dieses eher gleichmäßig ebenen Zen-Weges, nur dass ihm die immer wiederkehrende Einübung ins Sterben fehlt. μελέτη θανάτου (melétä thanátû), die ‚Vorbereitung auf den Tod‘, wie schon Sokrates das Philosophieren genannt hat, steht hier nicht im Vordergrund; doch wer will abstreiten, dass uns auch aus Zufriedenheit und Gelassenheit eine tiefe und beständige Gleichgültigkeit gegenüber unserem dereinstigen Erlöschen erwachsen kann?

 

- Dietrich Roloff -