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Die ‚Große Angelegenheit‘

Wenn wir unseren Blick zurückwenden, tief hinein und hinab in die Geschichte des chinesischen Chan, so stoßen wir auf das Faktum, dass dort hin und wieder von einer ‚Großen Angelegenheit‘ gesprochen und geschrieben wird. Damit ist die ‚Große Angelegenheit von Leben und Tod‘ gemeint. Aber wieso sollen ‚Leben und Tod‘ überhaupt eine ‚Große Angelegenheit‘ sein? Um diese und andere Fragen auch nur stellen zu können, müssen wir halt am Leben sein – und zu leben ist als diese Gegebenheit schlichtweg trivial. Und ebenso trivial ist der Tod; denn wir wissen, dass zu leben ausnahmslos in den Tod einmündet. Weshalb also daraus eine ‚Große Angelegenheit‘ machen?

 

Schauen wir uns, um uns Klarheit zu verschaffen, zunächst einmal um, was für Hinweise uns die ‚Alten‘ selbst dazu geben. So findet sich im Wu-men-guan/Mumonkan die eindringliche Mahnung: „Falls plötzlich Erde, Wasser, Feuer und Wind ganz und gar auseinandertreten, dann ist das so, als ob ein Krebs in heißes Wasser fiele: Sieben Hände und acht Füße bräuchte es dann! Sag in dem Augenblick bitte nicht, ich hätte es dir nicht gesagt!“

 

Dieses Zitat, das uns unzweifelhaft den physischen Tod vor Augen stellt, dramatisiert und stilisiert den Augenblick des Sterbens zu einem Augenblick höchster Entscheidung: ‚Alles oder Nichts!‘ Für die Altgläubigen – die Anhänger der mutmaßlich ursprünglichen Buddha-Lehre – besteht dieses ‚Nichts‘ gerade nicht im Nichts, sondern darin, weiterhin dem unaufhörlichen Kreislauf von Geburt und Tod anheimgegeben zu sein. Das ‚Alles‘ dagegen wäre erreicht, wenn es gelänge, der verheißenen ‚ewigen Glückseligkeit‘ des Nirvâna teilhaftig zu werden. Der Augenblick der Entscheidung bedarf also gründlicher Vorbereitung, und die besteht in der lebenslangen Ausübung von ‚rechtem Denken‘, ‚rechter Rede‘ und ‚rechtem‘ Handeln. Das hat in der Tat ‚Leben und Tod‘ für Altgläubige zu einer ‚Großen Angelegenheit‘ gemacht!

 

(Und nebenbei bemerkt, erhebt jedes ernsthafte Bemühen um eine ‚rechte Lebensführung‘ das Leben mit seinem Doppelgesicht von Gelingen und Scheitern auch ohne den Tod zu einer ‚Großen Angelegenheit‘ !)

 

Für Anhänger des seinerzeit revolutionären Chan (Stichwort: ‚Erwachen in einem einzigen Augenblick statt erst nach einer Übung über eine Vielzahl von Wiedergeburten hin!‘) sowie des mittlerweile zu einer festen Tradition erstarrten mittelalterlich-neuzeitlichen Zen (noch heute beruft sich die Sôtô-Schule auf Dôgen und das Rinzai-Zen auf Hakuin) hat nicht weniger auf dem Spiel gestanden: Entweder bringen sie das Erwachen, das sie von aller weiteren Wiedergeburt befreit, noch in diesem Leben zustande oder sie stürzen in den Abgrund – den Kessel siedenden Wassers – des ewigen Weiter-So von Geburt und Tod.

 

Dass solchen Menschen – Stichwort: ‚Alles‘ – durch das Erwachen (chinesisch , japanisch satori) noch weitaus mehr und Wichtigeres als nur Befreiung von Wiedergeburt zufällt, darauf will die Verheißung hinaus, die sich gleichfalls im Wu-men-guan/Mumonkan findet: „An der Schwelle von Leben und Tod erlangst du das Große Wohlbefinden, erfährst du mitten im Wirrwarr der Welt den Samâdhi des vergnüglich-spielerischen Schlenderns!“  Wu-men/Mumon spricht hier nicht mehr von ‚Leben und Tod‘ als der ‚Großen Angelegenheit‘  der Entscheidung und zielt mit seiner „Schwelle von Leben und Tod“ statt auf den physischen vielmehr auf den geistlichen oder spirituellen Tod, im heutigen Rinzai-Zen ‚der Große Tod' genannt: Diese „Schwelle“ lässt sich wie jede andere in beide Richtungen passieren, vom Leben in den spirituellen Tod und von dort aus zurück ins Leben. Und dieses wiedergewonnene Leben ist nunmehr, entgegen allen Wirrnissen der irdischen Welt, erfüllt von einem „Großen Wohlbefinden“ – dem „Samâdhi des vergnüglich-spielerischen Schlenderns“.

 

Und dann sind da noch die Zen-Anhänger des 20. und 21. Jahrhunderts, soweit sie – freilich eine exklusive Minderheit –  sich nicht nur in der Praxis, sondern genauso auch in der Philosophie und Metaphysik des Zen auskennen. Sie halten sich an eine doppelte ‚Nicht-Dualität‘, die eine innerhalb einer ‚absoluten Wahrheit‘ oder ‚Wirklichkeit‘, in der alles eins und sie selbst mithin nichts als ‚Leere‘ ist, und die andere als eine übergeordnete ‚Nicht-Dualität‘, die in der ‚Einheit von absoluter und relativer Wirklichkeit‘ besteht, letztere als die Welt der Vielzahl der Dinge. Das zu wissen bzw. für wahr zu halten ergibt zumindest Sicherheit in Sachen theoretischer Weltdeutung, doch verwandelt es das triviale Faktum von ‚Leben und Tod‘ noch keineswegs in eine ‚Große Angelegenheit‘, geschweige denn, dass es das ganz handfest niederdrückende Problem zu bewältigen hilft, das uns aufgegeben ist, wenn ‚Leben und Tod‘ für uns tatsächlich zu einer ‚Großen Angelegenheit‘ geworden sind. Das kann aus existenziellen Gründen geschehen, etwa aus der unfreiwilligen Erfahrung von Verlust, Scheitern oder Todesangst. Und in solcher existenziellen Not können wir uns, wie zeitgenössische Zen-Anhänger zu tun geneigt sind, der ‚absoluten Wirklichkeit‘, die eben noch, in der Theorie, mit der ‚relativen Wirklichkeit‘ unserer Not identisch war, als einer gleichsam abgehobenen (‚absoluten‘) Sphäre der Zuflucht und Erlösung zuwenden – wobei sie freilich, uns zum Trost, zu einer ewigen und allumfassenden ‚Buddha-Natur‘ umgedeutet wird, in der wir allzeit aufgehoben und geborgen sind.

 

Was aber, wenn sich bei anhaltender Übung und begleitet von zunehmender Selbstreflexion die Einsicht aufdrängt, dass diese ewige und allen Dingen innewohnende ‚Buddha-Natur‘ gar nicht existiert, weil wir selbst es sind, die sie in unsere satori-Erfahrungen hineinempfinden? Dann stehen uns immerhin noch zwei Extreme offen: Wir halten uns an eine Unsterblichkeit unserer ‚Seele‘ sowie an die ihr verheißene ‚ewige Glückseligkeit‘ unter dem Schutz eines gütigen Gottes, oder wir finden uns damit ab, durch und durch sterblich zu sein, derart, dass da nichts von uns übrig bleibt, das in der ‚Buddha-Natur‘ für immer aufgehoben wäre oder dem im Gegenteil das Martyrium zwangsweiser Wiedergeburten bevorstünde. Beidemal sind ‚Leben und Tod‘ als ‚Große Angelegenheit‘ verschwunden. Denn eine ‚unsterbliche Seele‘ samt ‚ewiger Glückseligkeit‘ schließt nicht nur den Tod aus, sondern wiegt auch alles Leid des Lebens auf; ja sie übersteigt sogar noch alles Glück, das uns auf Erden widerfahren kann (Kierkegaard). Und das andere Extrem, die radikale Sterblichkeit, trägt die Befreiung von etwaigen düster-schmerzlichen Aussichten à la Karma-Kreislauf bereits von vornherein in sich. Andererseits schließt radikale Sterblichkeit die Freude eines „Großen Wohlbefindens“ und den „Samâdhi des vergnüglich-spielerischen Schlenderns“ durchaus nicht aus. Beruhen die doch allein auf der Erfahrung von Shûnyatâ, von den Japanern zum Kenshô geadelt, eine Erfahrung, die ihrerseits uns auch dann zugänglich wird, wenn Shûnyatâ nur ein rein subjektives Ereignis ist. Auch Verzweiflung angesichts von Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit unserer endlichen Existenz gehört nicht zu den unvermeidlichen Folgen einer radikalen Sterblichkeit; haben wir doch beim wiederholten gegenläufigen Überschreiten der „Schwelle von Leben und [spirituellem] Tod“ gelernt, uns auch in einem sinnlosen Leben in einer sinnlosen Welt freudig und jederzeit zum Sterben bereit zuhause zu fühlen. Wie wären da ‚Leben und Tod‘ noch länger eine ‚Große Angelegenheit‘ ? Haben wir die doch, mit Xue-dou zu sprechen, „mit unseren Fingern einfach weggeschnippt!“

 

Und noch, wenn sich das ekstatische „Große Wohlbefinden“ im Laufe der Jahre zu gelassener Zufriedenheit inmitten der Dinge abgeschwächt hat, führt radikale Sterblichkeit keine Verzweiflung im Schlepptau. Erfüllt vom Behagen innerhalb der nicht überschreitbaren Wirklichkeit der Dinge (nicht überschreitbar, weil es eine andere Wirklichkeit nicht gibt), kann uns auch der physische Tod nicht schrecken. Die Selbstverständlichkeit des Lebens inmitten der irdischen Welt wie auch des Sterbens in ihr und – ohne ein Anderswohin – aus ihr heraus lässt die vermeintliche ‚Große Angelegenheit‘ verschwinden und löst sie auf in ein Leben, das wir nur als Geschenk wahrnehmen und würdigen können, sowie in ein Sterben als bloße Banalität.

 

- Dietrich Roloff -