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Acht Monate ...

... so vermerkt das Tán-jīng oder ‚Plattform-Sûtra‘, habe der spätere Hui-neng als Küchengehilfe im Kloster des fünften Patriarchen Hong-ren für über tausend Mönche den täglichen Reis gestampft – als unauffälliger Laienbruder, dem niemand weiter Beachtung geschenkt hat. Acht Monate lang, bis Hong-rens Entschluss, einen Nachfolger zu bestimmen, den Anstoß für die eigentlichen Höhepunkte der Hui-neng-Legende gegeben hat.

 

Sollte es mit diesen ‚Acht Monaten‘ des geduldigen Reis-Stampfens irgendeine besondere Bewandtnis haben? Sehen wir uns die näheren Umstände an. Da hört ein junger Mann, Analphabet und ohne jegliche Bildung, zufällig jemanden aus dem Diamant-Sûtra rezitieren. Red Pine vermutet in seinem Kommentar zum Plattform-Sûtra (S. 75), es habe sich dabei um die Verse ‚All created things / are like a dream, an illusion, a bubble, a shadow, like dew or like lightning – view everything like this‘ gehandelt. Auf seine Nachfrage, von wem der Fremde sein Wissen empfangen habe, hört der junge Mann erstmals in seinem Leben von Hong-ren und seinem Kloster weit im Norden. Auf der Stelle beschließt er, dorthin aufzubrechen und sich dem Fünften Patriarchen als Schüler anzuschließen. Als er sich Hong-ren vorstellt, verrät er seine tiefe Einsicht, die ihm durch’s bloße Hören lediglich einiger weniger Sûtra-Verse zuteil geworden ist. Doch Hong-ren schickt ihn, statt ihn in die Mönchsgemeinschaft aufzunehmen, in die Klosterküche, in der Hui-neng ohne zu murren seinen eintönigen Dienst verrichtet – acht Monate lang. Kein Wort kommt über seine Lippen, erst recht nicht die Bitte, bei Hong-ren zu einem Lehrgespräch zugelassen zu werden.

 

Was ist da passiert? So viel immerhin ist klar: Da ist Einer sich seiner ‚Buddha-Natur‘ – fó-xìng, Buddha als das wahre Wesen aller Dinge – zutiefst gewiss und hat doch an diesem Wissen sein Ungenügen; er möchte dem abhelfen, was dabei immer noch fehlt: Er möchte auch selbst ‚ein Buddha werden‘ (zuó fó)! Und von Hong-ren erhofft er sich die Unterstützung, deren er zu bedürfen glaubt, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Nebenbei bemerkt findet sich hier die offenkundige Unterscheidung zwischen einer ‚Buddha-Natur‘ (fó-xìng) und der Möglichkeit, in eigener Person ‚ein Buddha zu werden‘ bzw. zu sein‘ (zuó fó). Mit anderen Worten: Man kann die ‚Buddha-Natur‘ besitzen, ohne deshalb zugleich auch ‚ein Buddha zu sein‘ – was umgekehrt die Schlussfolgerung erlaubt, es müsse möglich sein ‚ein Buddha zu werden bzw. zu sein‘, auch ohne eine ‚Buddha-Natur‘ zu besitzen oder als gegeben zu behaupten. So bekennt sich der Verfasser, ein ausgewiesener Leugner einer allgemeinen ‚Buddha-Natur‘, auch heute noch zu der lange, lange zurückliegenden Bestätigung seitens seines Lehrers Usami Sôgen, ein ‚Buddha‘ zu sein.

 

Zu dem Verhalten des jungen Hui-neng bieten sich zwei einander ergänzende Deutungen an. Erstens: Er ist sich seiner Sache sicher. Es ist, als ob er, ohne je von ihr gehört zu haben, die Mahnung des sterbenden Buddha an seine Jünger: ‚Seid euch selbst eine Zuflucht!‘, sich von sich aus zu eigen gemacht hätte. Er genügt sich selbst, was auch immer sein Rang und seine Stellung in der Welt sein mag. Und zweitens: Er, der auch selbst ‚ein Buddha werden’ möchte, beweist mit seinem Verhalten, dass er das, was er erst noch werden will (zuó fó), bereits ist – ein ‚Buddha‘ (zuó fó)! Er gibt sich seiner Tätigkeit, so eintönig sie sein mag, vorbehaltlos hin, ohne die Eintönigkeit als Einschränkung und Last zu empfinden. Noch mit einem schweren Stein, den er sich zur Erleichterung seines Stampfens um die Hüfte gebunden hat, fühlt er sich frei und leicht. Sich ganz in das Reis-Stampfen zu versenken, ist ihm Erfüllung genug.

 

Und an dieser Stelle kommen wir selbst ins Spiel. Wenn wir uns dem Zen zuwenden und zu praktizieren angefangen haben, streben nicht wenige von uns mit Eifer danach, einen buddhistischen Namen zugesprochen zu bekommen. Das ist das genaue Gegenteil zum Verhalten des jungen Hui-neng. Wir wollen etwas darstellen und innerhalb unserer Sangha anerkannt werden; und dieses Bestreben ist von der Bescheidenheit und keineswegs zufälligen Unauffälligkeit des Küchengehilfen Hui-neng weit entfernt. Hinzukommt nicht selten der Wunsch, innerhalb der Sangha eine besondere Funktion ausüben zu dürfen – auch das im Widerspruch zum jungen Hui-neng. Vor allem das bisweilen übereifrige Streben nach Bestätigung durch einen vom Rôshi verliehenen Namen beruht zumeist auf einem Missverständnis: Ein solcher Buddha-Name macht aus uns keinen anderen Menschen; er hilft uns nicht weiter auf dem Weg zur ‚Verwirklichung‘ – was immer das sein mag. Vielmehr sollten wir, statt uns eine neue Identität von solchen Äußerlichkeiten wie einer Namensverleihung zu erwarten – „Ich bin jetzt nicht mehr Roland oder Gustav, sondern nur noch Dai-shin!“ – uns auf unsere höchst eigene, persönliche Übung besinnen und Zutrauen zu uns selbst und unseren eigenen Fortschritten gewinnen – Fortschritten, die sich, mit einer Formulierung Kierkegaards, in ‚reiner Innerlichkeit‘ abspielen, von außen nicht einsehbar. Genau so könnte es – wenn wir das Plattform-Sûtra für bare Münze, und das heißt, für einen Tatsachenbericht nehmen – beim jungen Hui-neng der Fall sein, was wir aber gerade nicht wissen können, eben weil derlei Innerlichkeit von außen nicht einsehbar ist.

 

Noch in einer weiteren, einer sogar noch wichtigeren Hinsicht können uns die acht Monate des Reis-Stampfens ein Vorbild sein. Sie zeigen uns, dass es bei einem vom Zen geprägten Leben darauf ankommt, sich ganz und ausschließlich in die Aufgabe zu vertiefen, die uns auferlegt ist oder die wir uns selbst auferlegt haben – ohne dabei nach links und rechts zu schielen, ob da etwas Aufregenderes winkt, etwas, das uns möglicherweise mehr Befriedigung schenken kann oder ein Mehr an Großartigkeit enthält. Denn die Befriedigung, ja wir können auch sagen, die Erfüllung, deren wir bedürfen und die uns aus unserer Aufgabe erwächst, liegt nicht in der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit unseres Tuns, sondern in der Intensität und Rückhaltlosigkeit, mit der wir unsererseits unsere Aufgabe erfüllen. Unsere Belohnung haben wir nicht in der bewundernden Anerkennung seitens anderer, auch nicht in dem neidvollen Blick, den wir durch äußere Zeichen unseres Erfolges den anderen abnötigen. Unsere Belohnung besteht nicht im Inhalt unseres Tuns, sondern in der Vertiefung in eben dieses Tun. Und genau das macht unser zuó fó, unsere persönliche ‚Buddhaschaft‘ aus.

 

Eine solche persönliche ‚Buddhaschaft‘ vorausgesetzt, haben wir auch eine allen Dingen zugrunde liegende ‚Buddha-Natur’, in der wir für immer aufgehoben und geborgen sind, nicht mehr nötig. Es ist die Vertiefung selbst, die uns Geborgenheit verleiht, sei es die Vertiefung in die rauschhaften Aspekte des ‚Buddha-Weges‘, wie sie die Etappe ‚der Berge, die keine Berge und der Flüsse, die keine Flüsse mehr sind‘ (Qing-yuan) kennzeichnen, sei es die Vertiefung in die Selbstverständlichkeit der uns umgebenden und einschließenden Welt – eine Vertiefung, die auch vor einer radikalen Sterblichkeit unsererseits nicht zurückschreckt. Welch eine Heiterkeit lieg darin, sich so dem Selbstverständlichen überlassen zu können!

 

- Dietrich Roloff -