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Identität und Krise

Ganz bewusst habe ich der Überschrift nicht die Formulierung ‚Krise und Identität‘ gegeben, sondern andersherum ‚Identität und Krise‘. Denn ‚Krise und Identität‘ läuft auf die Trivialität hinaus, dass wir alle im Laufe unseres Lebens die eine oder andere Krise – oder auch mehrere hintereinander – hinnehmen müssen und die eine oder andere Krise uns nötigt, uns neben anderen möglichen Lösungen obendrein auch ein neues Selbstbild oder Selbstverständnis zu erarbeiten. Das Phänomen ‚Identität und Krise‘ hingegen ist nicht gleichermaßen trivial. Denn da liegt der Schwerpunkt ausschließlich auf einer bestimmten Art von Krisen, nämlich auf Identitäts- oder Sinnkrisen, die sich nur dadurch beheben lassen, dass wir uns eben dem Prozess einer neuerlichen Identitätsfindung ausliefern. Wir könnten auch sagen: ‚Identität und Krise‘ verweist auf eine Sonderform des umfassenderen Phänomens ‚Krise und Identität‘.

 

Nehmen wir als Beispiel die Identität eines Menschen, der sich dem Zen anvertraut und sogar überantwortet hat. Zu dessen Selbstbild gehört zweifellos auch die besondere Art seiner persönlichen Praxis, ihre Regelmäßigkeit und Intensität. Dazu gehört aber vor allem das Weltbild, das den Hintergrund seiner Praxis ausmacht. Dieses ganz persönliche Weltbild ruht zwangsläufig auf den philosophisch-metaphysischen wie den religiösen Grundannahmen des historisch gewachsenen Zen: Wer wirklich in die Welt des Zen eintauchen will, kommt nicht umhin, sich die Weltdeutung des Zen zu eigen zu machen und fortan als seine eigene Weltdeutung zum Fundament seines Selbstverständnisses zu konkretisieren. Das ist der Anteil, den wir selbst in unsere Identität gleichsam investieren, durch bewusst-vorsätzliches Tun. Daneben hat unsere persönliche Identität jedoch noch einen gegenläufigen Aspekt: das, was wir umgekehrt von unserer Identität erwarten und auch tatsächlich von ihr empfangen – emotionale Stabilität und die anhaltende Vermeidung von Irritation angesichts kognitiver Dissonanz. So erweist sich, mit den Worten Kierkegaards, unser ‚Selbst‘ als ‚ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält‘: Wir selbst sind es, die als die eine Seite dieses Verhältnisses geben und zugleich von dessen anderer Seite als von uns selbst empfangen.

 

Und dann kommt die Krise. Ereignet sie sich auf der Ebene des Kognitiven, so verläuft sie höchst selten traumatisch. Entweder schleicht sie sich allmählich ein, und zwar dann, wenn wir uns aufgrund ‚intellektueller Redlichkeit‘ (Nietzsche), man kann auch sagen, aus kritischer Selbstreflexion genötigt sehen, bisher für wahr Gehaltenes zu revidieren. So ist es auch mir selbst ergangen, als ich mir nicht länger verhehlen konnte, dass wir bei dem für Zen zentralen Shûnyatâ-Erleben nicht von der Erfahrung einer real gegebenen Shûnyatâ reden können, sondern nur von einer subjektiv erfahrenen Shûnyatâ, womit zugleich der für das herkömmliche Zen grundlegenden Vorstellung einer allgemeinen ‚Buddha-Natur‘ der Garaus gemacht ist. Oder wir sehen uns plötzlich und überraschend mit Gegenargumenten konfrontiert, denen wir nichts entgegenzusetzen haben und die uns zu einer grundsätzlichen kognitiven Neuorientierung zwingen. In beiden Fällen ist unsere seelische Stabilität nicht zwangsläufig gefährdet. Auf Kierkegaards Definition unseres ‚Selbst‘ als eines ‚Verhältnisses, das sich zu sich selbst verhält‘ bezogen, betrifft beides nur die eine Seite unseres Selbst, die der bewussten kognitiven Konstruktion.

 

Anders steht es um die Sache, wenn die Krise auf die Ebene des Emotionalen überspringt oder gar aus der Tiefe des Emotionalen aufbricht und dabei auch die kognitive Seite unserer Identität mit in den Strudel hineinzieht. Das kann geschehen, wenn wir uns in einer länger anhaltenden schmerzlichen Situation von der anderen, der gewährenden Seite unseres Selbst vergeblich Trost und den Schutz gewohnter Zuflucht erwarten. Da verliert auch der kognitive Anteil unserer Identität seine Plausibilität, ja er wird sogar vom aufkommenden und nicht länger abzuweisenden Zweifel hinweggeschwemmt. Dann hilft auch kein Versuch, sich durch bloße kognitive Neuorientierung in eine abermalige Stabilität hineinretten zu wollen. An die Wurzel der Krise und damit an den Beginn eines Neuanfangs kommen wir nur, wenn wir uns dem Schmerz, statt uns ihm entgegenzustemmen, annehmen und uns an ihn verlieren – uns dem Strom der Tränen überlassen, solange, bis wir die Tränen des Schmerzes als ‚gliederlösende‘ Tränen der Freude erleben: Uns auszuweinen macht uns weich und befreit uns von der Erstarrung, in die uns der Schock der Krise verbannt hat.

 

Weinen, weinen – und weinst,

Hingegeben ans Glück der Tränen,

Weich und sanft und so zärtlich

Warm wie einstmals die Mutterhand,

Die dir tröstend und leise

Über das Haar fuhr.

Weinen, weinen – und macht diesen alten Mann

Wieder zum Kind,

Aufgelöst in das schmerzliche Glück,

Ach, so ganz, so verloren zu sein.

 

Unsere Verlorenheit verwandelt sich ohne unser Zutun nach und nach in die Zuversicht, das Leben aufs Neue bestehen zu können, und die wiederum festigt sich zu neu aufsteigender Stabilität. Der Horizont hellt sich wieder auf. Wir müssen auch unsere bisherige kognitive Identität nicht in Bausch und Bogen verwerfen; wir können ihre mannigfaltigen Bestandteile einer Neubewertung unterziehen und beim Gelingen einer neuen Kohärenz gelassen auf unsere vergangenen ‚Irrtümer‘ zurückschauen. Nicht Widerruf und verächtliche Abwendung stehen am Ende der Krisenbewältigung, sondern eher das selbstbewusste ‚Heute weiß ich es besser!‘ Es gibt dabei nichts zu bereuen; denn das, was sich im Nachhinein als überholt erweist, war als eine Folge von Trittsteinen ‚hinüber ans andere Ufer‘ unerlässlich.

 

Was aber, wenn wir nicht einmal weinen können? Wenn bleierne Finsternis rings den Horizont verstellt? Dann bleibt uns immer noch die Klage, zaghaft zuerst, nur mühsam vorgebracht, dann laut hinausgeschrien, so lange, bis sie sich erschöpft –und gleichwohl –

 

Wie kann das sein,

Dass alles stirbt?

Nichts bleibt – als dieser

Vorwurf ungestillten Schluchzens!

 

– neu erwacht zu einem lautlosen Schluchzen, dessen leibdurchflutende Erschütterung schließlich doch die Tränen fließen lässt.

 

Für den Einen und Besonderen, der mich zu seinem Vimalakîrti hat

 

- Dietrich Roloff -