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‚Kissako‘ – ‚Trink eine Schale Tee und geh!‘ versus ‚Geh eine Schale Tee trinken‘

‚Kissako‘, drei Schriftzeichen, die sich häufig auf Kalligraphien finden, wie sie bei Tee-Zusammenkünften in der Tokonoma, der Bildnische, aufgehängt werden. Diese drei Schriftzeichen entstammen einem der unzähligen Kôan, mit denen sich Anhänger der Rinzai-Schule noch heute bei ihrer Zen-Übung konfrontiert sehen. Das betreffende Kôan lässt sich im Bi-yan-lu, den ‚Aufzeichnungen vor smaragdener Felswand‘, unter der Nummer 95: Chang-qing zur ‚Sprache des Tathâgata‘ nachlesen. Und dort lauten die Schriftzeichen in der Original-Sprache: chī chá qù, ‚Geh [eine Schale] Tee trinken!‘ Denn das dritte Schriftzeichen, , gehört im Chinesischen zu den sog. Modal-Verben und gibt die Richtung an, in der sich das vom Sprecher intendierte Geschehen abspielt – ‚weg von hier ‘. Es geht also darum, eine Schale Tee zu trinken, chī chá, aber gerade nicht ‚hier‘, bei und mit dem Sprecher, sondern weg von ihm: Der Sprecher schickt sein Gegenüber von sich weg, damit er woanders einen Tee trinkt.

 

Was aber hat es mit diesem Kôan auf sich? Zwei auf gemeinsamer Wanderschaft befindliche Mönche, ein Chang-qing und ein Bao-fu, kommen unterwegs auf ‚die Sprache des Tathâgata’ zu sprechen, also darauf, was der zum Tathâgata aufgestiegene historische Buddha mit all seinen – angeblichen – Lehrreden, den vielen Sûtren des Mahâyâna, tatsächlich gesagt hat. ‚Tathâgata‘ bezeichnet den in der ‚Soheit‘, der Leere oder Shûnyatâ als dem Wesen aller Dinge ‚Angekommenen‘, anders gesagt, den endgültig und vollkommen Erleuchteten; und bei seiner ‚Sprache‘ handelt es sich um das letzte Geheimnis, das er den Menschen mit seinen Lehrreden offenbart hat. Wir können auch sagen: Chang-qing will mit seiner Frage: ‚Was ist denn nun die Sprache des Tathâgata?‘ darauf hinaus, worauf die Buddha-Lehre letztlich abzielt bzw. was uns mit unserer Vertiefung in die Buddha-Lehre letztlich aufgetragen wird: Was sollen wir erreichen wollen? Und selbstverständlich muss es dabei um unsere ‚Erlösung‘ oder ‚Befreiung‘ gehen, wie sie der Buddha seinen Anhängern mit seiner Lehre vom Nirvâna als einer ewigen und durch nichts zu trübenden Glückseligkeit vor Augen stellt. Ein sehr hochgestecktes Ziel mithin! Eines, über das hinaus es nichts weiter geben kann!

 

Und dann die Entgegnung des Bao-fu: ‚Geh [eine Schale] Tee trinken!‘ Eine ganz alltägliche Handlung, vollzogen in der sprichwörtlichen Haltung: ‚Alltäglicher Geist ist DAO‘, píng-cháng shīn shì dào. Nichts Hochtrabendes, keine ewige Glückseligkeit, kein Ausbruch aus dem Kreislauf der Wiedergeburten, keine Überwindung des Todes oder dergleichen mehr. Sondern einfach nur etwas, das wir sonst immer auch machen: Tee trinken. Freilich nicht bloß so nebenher, weil wir gerade mit anderem, Wichtigerem beschäftigt sind, sondern in voller Aufmerksamkeit: Nichts als diesen Tee hier zu trinken! Bao-fu bescheidet damit seinen Weg- und Übungs-Gefährten dahin, dass ihre gemeinsame Übung das ganz Gewöhnliche zum Ziel hat, die einfachen und schlichten Lebensvollzüge, wie sie unseren Alltag ausmachen, und gerade nicht das Außerordentliche, den Aufstieg in überweltliche, sprich transzendente Sphären, mit denen wir alles Irdische hinter und unter uns lassen. Bescheidung also auf das, was zu erreichen es eigentlich keiner besonderen spirituellen Übung bedarf! Und so reiht sich denn dieses Kôan ein in die bilderstürmerische Tendenz des Song-zeitlichen Chan, der Buddha-Lehre ihre Ausrichtung aufs Überirdische zu nehmen – auf das Heilige im Gegensatz zum Profanen, auf das Göttliche im Gegensatz zum Sterblich-Menschlichen.

 

Kehren wir an dieser Stelle vorerst zum ‚kissako‘ zurück: Für Japaner, die zwar ihre Schriftzeichen aus dem Chinesischen übernommen haben, aber gleichwohl eine Sprache mit ganz anderen grammatischen Strukturen sprechen, stellt das letzte der drei Schriftzeichen kein Modal-Verb dar, sondern wird von ihnen als gleichwertiges Prädikat verstanden, gleichwertig zu der Aussage ‚trinken‘, so dass das chinesische chī chá qù für sie die Bedeutung: ‚Trink eine Schale Tee und geh!‘ haben muss. Und das wiederum fügt sich passgenau in Sprache und Welt der Teezeremonie ein: ‚ichi-go, ichi-e‘, so lautet eines der grundlegenden Axiome des Tee-Weges: ‚Jede Tee-Zusammenkunft ist etwa ganz und gar Einmaliges; sie lässt sich, so wie sie hier und jetzt abläuft oder abgelaufen ist, nicht wiederholen!‘ Und wir fühlen uns sogleich an den Ausspruch eines in Japan berühmten Staatsmannes und Tee-Menschen erinnert, an Ii Naosuke, der von sich selbst gesagt hat, dass er nach jeder Tee-Zusammenkunft, wenn die Gäste bereits gegangen sind, dem nachsinnt, was sich da Unwiederbringliches ereignet hat. Das entspricht dem Sinn für die Vergänglichkeit alles Irdischen, der den Japanern als Grundzug ihrer Mentalität nachgesagt wird, und unterstreicht die Einbettung der Teezeremonie in ihr ganz spezifisches Lebensgefühl: Geselliges und von Freude erfülltes Zusammensein unter blühenden Kirschbäumen, wenn bereits die Blütenblätter in sanften Schauern zu Boden rieseln. Ein Hauch von Wehmut liegt noch über den Stunden höchster Entfaltung der Schönheit der Welt.

 

Aber mit einer solchen Eloge auf japanische Lebenskunst kann dieser Eintrag nicht enden. Das chinesische ‚chī chá qù‘ verlangt nach einer Fort- und Weiterführung: Wenn also die Buddha-Lehre den Sinn hat, uns dazu anzuleiten, in der Vertiefung ins Alltägliche nicht nur unsere irdische, sondern auch unsere spirituelle Erfüllung zu finden, dann bedarf es keiner allgemeinen ‚Buddha-Natur‘ mehr – und unsere individuelle Buddhaschaft erreichen wir ja in den Augen der Song-zeitlichen Chan-Meister eben dadurch, dass wir uns im Gewöhnlich-Alltäglichen aufgehoben und geborgen fühlen. Gehen wir noch einen Schritt weiter und leugnen ganz expliziert das Vorhandensein einer allen Dingen zugrunde liegenden Entität namens ‚Buddha-Natur‘, so erfüllen wir die Forderung, die das ‚chī chá qù‘ an uns stellt, genau damit, dass wir im Verlauf des Zen-Weges spätestens in der Etappe der ‚Berge, die wieder Berge, und der Flüsse, die wieder Flüsse sind‘, in der irdischen Welt, so wie sie uns umgibt, eben die Geborgenheit finden und erfahren, wie buddhistische Mönche der Vergangenheit und noch Zen-Anhänger der Gegenwart sie sich von einer allgemeinen ‚Buddha-Natur‘ erhofft haben und erhoffen.

 

So verkörpern ‚kissako‘ und ‚chī chá qù‘ ganz unterschiedliche Lebensgefühle: Hier die Besinnung auf vergängliche Momente des In-sich-Gehens und des Glücks und dort das Gefühl eines dauerhaft Einbettet-Seins ins DAO – in die gleichbleibende Ordnung einer in ihren Einzelheiten von unaufhörlichem Wandel erfüllten Welt, unser eigenes Sterben inbegriffen. Und eben darin können die alten Chinesen des Song-zeitlichen Chan uns auch heute noch Vorbild sein.