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Bukecha 武家茶 - Teeweg der Samurai

So nennt noch heute die Ueda Sôko Ryû in Hiroshima ihre 400 Jahre alte Tradition japanischer Teezeremonie. Und das, obwohl mit der Meiji-Restauration im Ausgang des 19. Jahrhunderts auch der Stand der Krieger, der Samurai, abgeschafft worden ist. Und obwohl es schon zuvor, seit der endgültigen Etablierung des Tokugawa-Shôgunats nach der Einnahme der Burg von Ôsaka im Jahre 1615, für die zweieinhalb Jahrhunderte bis zur Meiji-Restauration in Japan so gut wie keine Kämpfe und Kriege mehr gegeben hat, bei denen die Samurai ihr Leben aufs Spiel setzen mussten. Allenfalls konnten sich Samurai um die Durchsetzung der Meiji-Restauration herum noch zweimal im Schlachtengetümmel, wenn auch letztlich erfolglos, bewähren – im Boshin Krieg von 1868/69, der der endgültigen Herrschaft des Meiji-Kaisers vorausging, und bei der Satsuma-Rebellion von 1876/77, mit deren Niederschlagung der Widerstand gegen das neue Regime für immer gebrochen war. Während der vorausgegangenen Friedenszeit des Tokugawa-Shôgunats übten sich die Samurai zwar weiterhin in ihren Kampfkünsten, doch selbst private Zweikämpfe waren verboten, wie sich schon für die frühe Tokugawa-Zeit an dem Beispiel der geheimen Begegnung zwischen Miyamoto Musashi (1584 -1648) und der Legendengestalt Sasaki Kojirô auf der Insel Funajima belegen lässt – einem Zweikampf auf Leben und Tod, der nur unter strengster Geheimhaltung auf einem abgelegenen Eiland in frühester Morgenstunde abgehalten werden konnte. Statt des Kriegshandwerks haben die Samurai während der Herrschaft der Tokugawa-Shôgune vielmehr, soweit sie nicht lediglich von ihren Einkünften standesgemäß zu leben versucht haben, andere Aufgaben, insbesondere die der zivilen Verwaltung ihnen unterstellter Landesteile übernommen und mit dem spezifischen Samurai-Ethos ausgefüllt.

 

Was hat es also auf sich mit dem Bukecha, dem ‚Tee der Krieger‘? Wann und unter welchen Umständen ist er aufgekommen? Was macht seine Eigenart aus, was in der kriegerischen Azuchi-Momoyama-Ära (1573 – 1615), der Zeit seiner ersten Blüte, was in der Friedenszeit der Tokugawa-Shôgune, was in der Meiji-Ära (1868 – 1912), der kurzen Taishô-Ära (1912 – 1926) und der ausgedehnten Shôwa-Ära (1926 – 1989), deren erstes Drittel, bis zur Kapitulation Japans 1945, durch den japanischen Militarismus und Imperialismus gekennzeichnet ist, und was schließlich heute, nachdem die Heisei-Ära im Jahr 2019 mit der Inthronisation des Kaisers Naruhito in die Reiwa-Ära übergegangen ist

 

Gehen wir zurück zu den Anfängen. Von einem ‚Tee der Krieger‘ wäre zum ersten Mal in der Zeit der Kriegsherren Oda Nabunaga (1534 – 1582) und Toyotomi Hideyoshi (1537 – 1598) zu sprechen. Doch um zu verstehen, was sich unter diesen beiden Männern in der Welt des Tees abgespielt hat, müssen wir noch weiter zurückgehen, bis in die Muromachi-Zeit (1336 – 1573), die Epoche des Ashikaga-Shôgunats. Es war Ashikaga Yoshimitsu (1358 – 1408), der dritte Ashikaga-Shôgun, der dank eines von ihm geschlossenen Handelsabkommens mit dem China der Ming-Kaiser fortan auch wertvolle chinesische Kunstgegenstände nach Japan einführen und sie dann zu einer eigenen Sammlung zusammenstellen ließ. Das Zurschaustellen dieser Kunstgegenstände bedeutete nicht nur ein Ritual ästhetischer Unterhaltung am Ashikaga-Hof, sondern diente vor allem der Legitimation seiner persönlichen Herrschaft – hatte er doch vom gleichzeitigen Ming-Kaiser den Titel eines ‚Königs von Japan‘ (Nihon kokuō, 日本国王) verliehen bekommen, was den Besitz der wertvollen chinesischen Kunstgegenstände als Ausdruck der besonderen Nähe zum politisch wie kulturell übermächtigen ‚Reich der Mitte‘ erscheinen ließ. Für ein besonderes Interesse am Tee und erst recht für eine Vorliebe für chinesisches Teegerät jedoch gibt es bei Yoshimitsu keinen Beleg. Erst Yoshinori (1394 – 1441), der sechste Ashikaga-Shôgun, hat seinen Dôbôshû, seinen Experten für Katalogisierung, Pflege und sachgerechte Präsentation der chinesischen Kunstgegenstände, angewiesen, für zeremonielle Empfänge (Shikishi onari) eines Daimyô eine eigene Teezeremonie zu entwickeln, die den Regeln der Etiquette für den Schwertadel entsprach (Ogasawara Nagahide [1366 – 1424] hatte mittlerweile mit seinem Ogasawara Ryû ein Regelwerk entwickelt, das das ritualisierte Verhalten eines Samurai beschreibt, der einen Daimyô oder den Shôgun selbst besucht bzw. bei sich empfängt – Letzteres das Shôgun onari, das eine spezielle Anordnung und Gestaltung von Empfangs- und Teeräumen verlangte).

 

Eine weitere herausragende Rolle hat dann Yoshimasa (1435 – 1473) gespielt, der achte Ashikaga-Shôgun, der sich nach seiner Abdankung in den seit 1482 im Bau befindlichen Ginkakuji in den östlichen Bergen Kyôtos als seinen Altersitz zurückgezogen hatte. Dort hatte er sich im Tôgudô von keinem Geringeren als Murata Jukô (1423 – 1502), seinem wichtigsten Dôbôshû, einen nur der Teezeremonie vorbehaltenen Raum mit versenkter Feuerstätte erbauen lassen, in dem der Tee erstmals vor den Augen der Gäste zubereitet werden konnte – ein Verfahren, das für alle späteren Richtungen des Teeweges konstitutiv geworden ist. In diesem Teeraum, genannt Dôjinsai, mit seiner Grundfläche von viereinhalb Tatami-Matten bis auf den heutigen Tag Vorbild und Maßstab aller Standard-Teeräume, hat Jukô bei seinen Zeremonien für Yoshimasa und seine Gäste selbstverständlich vorrangig kostbares chinesisches Teegerät (Karamono) benutzt. Daneben jedoch hat Jukô, inspiriert von seiner eigenen Zen-Praxis, auch japanisches Gerät in die Teezeremonie eingeführt, etwa unglasierte Schalen aus Bizen oder Shigaraki, die in ihrer groben Schlichtheit zu der Eleganz und Perfektion der chinesischen Stücke den Gegenpol bildeten. Mit diesem japanischen Teegerät (Wamono) ist Jukô zum Begründer des Wabicha, des Tees der Schlichtheit und Zurückhaltung geworden. Während er selbst einen chinesisch-japanischen Mischstil bevorzugt hat, ist von seiner Einführung des Wamono die erste Abgrenzung in der Welt des Tees ausgegangen: Dem Wabicha mit seinem unprätentiösen japanischen oder koreanischen oder auch nur koreanisch beeinflussten japanischen Teegerät steht fortan – und auch heute noch – die Teezeremonie mit alten chinesischen Stücken als der ‚wahre Tee‘ gegenüber, der Shin Cha (wobei das Schriftzeichen shin eben ‚wahr‘ oder ‚wirklich‘ bedeutet).

 

Überspringen wir die nächsten 100 Jahre, in denen die Macht der Ashikaga-Shôgune immer weiter verfiel und einem – als Sengoku-Ära bekannten – nicht enden wollenden Krieg mächtiger Daimyô um die Vorherrschaft Platz machte. Der zunehmende Bedeutungsverlust der Shôgune zeigte sich auch darin, dass die Führung in der Welt des Tees auf wohlhabende Kaufleute, namentlich aus der Hafen- und Händlerstadt Sakai überging. Der bedeutendste von ihnen war in den ersten Jahrzehnten dieser Übergangszeit Takeno Jôô (1502 – 1555), der die Entwicklung des Teeweges hin zur vollen Entfaltung des Wabicha vorantrieb und in Imai Sôkyû (1520 – 1593) und vor allem in Sen no Rikyû (1522 – 1591) würdige Nachfolger fand, beide gleichfalls wohlhabende Kaufleute aus Sakai. (Ein weiterer herausragender Vertreter dieses Kreises städtischer Tee-Aficionados in Sakai war Tsuda Sôgyû, wie Rikyû gestorben 1591, der über seinen Vater Sôtatsu [1504 – 1566] sozusagen als Enkelschüler Takeno Jôôs gelten kann.) Anders gesagt – in diesen Jahren war Teezeremonie (Chanoyu, ‚warmes Wasser für den Tee‘) eine Domäne bürgerlicher Kreise, zumal solcher mit großen Vermögen – von Männern also, die durchaus in der Lage, ja wegen ihrer Handelsverbindungen geradezu prädestiniert waren, gleichfalls kostbares Karamono-Teegerät zu erwerben und bei ihren gegenseitigen Einladungen neben nicht minder begehrten besonderen Stücken japanischer oder koreanischer Herkunft als Ausweis nicht nur ihres erlesenen Geschmacks, sondern erst recht ihres Reichtums zur Schau zu stellen. Dabei dürften sie den von Murata Jukô eingeführten chinesisch-japanischen Mischstil bevorzugt haben, der trotz seiner Einbeziehung von Karamono-Stücken besonders aus der Song- und Ming-Zeit als Wabicha gegolten hat (und der auch heute noch, derartiger chinesischer Kostbarkeiten unerachtet, eben diese Bezeichnung tragen dürfte, könnten wir denn Karamono-Gerät solchen Ranges unser Eigen nennen).

 

Mit Imai Sôkyû haben wir – endlich – den Übergang zum Bukecha erreicht, dessen Anfänge wir bei Oda Nobunaga (1534 – 1582) ansetzen können, dem ersten der drei ‚Reichseiniger‘ Japans. Und zwar hat Sôkyû seine Standesgenossen, die anderen einflussreichen Kaufleute von Sakai, dazu bewogen, sich Nobunagas Forderung zu beugen, ihm Steuern für seine Kriegskasse zu zahlen und seine militärische Überlegenheit aufgrund damals fortschrittlichster Technologie zu sichern. Darüber hinaus hat Sôkyû die reichhaltige Sammlung kostbarer Teegeräte seins Lehrers Takeno Jôô an Nobunaga weitergereicht und dem auf dem Schlachtfeld höchst erfolgreichen Daimyô persönlich Unterricht in Teezeremonie (Chanoyu) erteilt. Und – er hat auch Sen no Rikyû als Dôbôshû bei Nobunaga eingeführt. Damit waren alle Voraussetzungen gegeben, einen ‚Tee der Krieger‘ ins Leben zu rufen.

 

Oda Nobunaga, der 1573 mit der Absetzung des Ashikaga Yoshiaki, des 15. Shôguns dieser Dynastie, zugleich das Shogunat selbst abgeschafft und sich dabei auch die Kunstsammlung der Ashikaga-Shôgune angeeignet hatte, war nunmehr im Besitz der größten Sammlung höchstgeschätzter Teegeräte chinesischer und mittlerweile auch japanischer Herkunft auf japanischem Boden. Mäßigung zeigte er deswegen jedoch nicht: Immer wenn er bei erfolgreichen militärischen Unternehmungen einen weiteren Daimyô niedergerungen und dessen Stammsitz erobert hatte, ließ er als Erstes und Wichtigstes dessen jeweiligen Teegeräte konfiszieren und seiner eigenen Sammlung einverleiben. Diese Stücke bei seinen eigenen Tee-Einladungen einzusetzen, verlieh kostbarem Teegerät eine ganz neue Bedeutung: Es diente nunmehr der Demonstration von Macht. Und nicht nur der bloßen Demonstration von Macht; es wurde zugleich auch zu einem Werkzeug der Ausübung von Macht und Einfluss: Nobunaga hat einzelne unter seinen Generälen, die für ihn militärische Erfolge errungen hatten, mit dem Geschenk von Teegerät, insbesondere eines kostbaren Karamono-Teebehälters (Chaire) ausgezeichnet und so noch weiter an sich zu binden versucht. Nichtsdestotrotz ist er von dem wichtigsten seiner Generäle, Akechi Mitsuhide, dem er auch in Sachen Teezeremonie eng verbunden war, in einen Hinterhalt gelockt und zum rituellen Selbstmord, dem Seppuku, gezwungen worden.

 

Den Tod Nobunagas zu rächen brachte Toyotomi Hideyoshi (1537 – 1598), ebenfalls einer seiner ehemaligen Vertrauten, eine Koalition weiterer Daimyô zustande und hat sich schließlich als der mächtigste Herrscher des damaligen Japan durchgesetzt. So ist Hideyoshi zum zweiten ‚Reichseiniger‘ geworden. In dieser Stellung hat er der Teezeremonie, dem Chanoyu, außerordentliche Bedeutung verliehen, besonders durch die ‚Große Teeversammlung von Kitano‘ im Jahre 1587, zu der alle Teeliebhaber Japans eingeladen waren und bei der Hideyoshi selbst seine von Nobunaga übernommene Sammlung kostbarer Teegeräte ausgestellt und der allgemeinen Bewunderung dargeboten hat. Aber nicht nur die Tee-Schätze Nobunagas, sondern auch dessen Dôbôshû hat Hideyoshi von seinem Vorgänger übernommen, zu denen außer Imai Sôkyû und Sen no Rikyû auch noch Tsuda Sôgyû gehörte – alle drei waren wesentlich an der Ausrichtung des Kitano Daichakai beteiligt. Von ihnen stieg Rikyû nicht nur zum wichtigsten Teemeister und persönlichen Teelehrer, sondern auch zum politischen Berater und Vermittler Hideyoshis auf. Dabei hat Letzterer auch die Praxis Nobunagas fortgeführt, durch Übersendung etwa einer wertvollen Chaire neue Bündnisse zu knüpfen oder durch Einladungen zu einer Tee-Zusammenkunft neue Abhängigkeiten zu schaffen: Sich in einem Teeraum Hideyoshis vor dessen Teegerätschaften zu verbeugen stellte zugleich einen Akt der Unterordnung dar. Darüber hinaus hat Hideyoshi einem ihm loyal ergebenen Rikyû die einzigartige Aufgabe übertragen, verdiente und obendrein dauerhaft zuverlässige Daimyô in der Teezeremonie zu unterrichten, wobei sich freilich Hideyoshi die Entscheidung darüber vorbehielt, wer von diesen Männern in die Zeremonien des ‚wahren Tees’ mit ausschließlich chinesischem Gerät, insbesondere in die Daisu-Zeremonien eingeweiht werden durfte. (Der Daisu, namentlich der schwarz lackierte Shin-daisu, ist ein ausladendes Gestell mit zwei Ebenen für die unterschiedlichen Gerätschaften, von der tragbaren Feuerstelle, dem Furo, über das Frischwassergefäß, das Mizusashi, auf der unteren Ebene, bis hin zur Teeschale, der Chawan, und den Behälter für das Teepulver, die Chaire, auf der oberen.) So entstand unter der Oberaufsicht Hideyoshis um Rikyû ein Kreis von Männern, die unter der Bezeichnung ‚Die Sieben Schüler Rikyûs‘ in die Geschichte des Teewegs eingegangen sind. Zu diesen Männern, allesamt ranghohe Samurai und Daimyô, gehörten unter anderen Hosokawa Tadaoki, auch Sansai genannt (1563 – 1646) und Furuta Oribe (1544 – 1615); nicht dazu gezählt wird hingegen Ueda Sôko (1563 – 1650), obgleich der mit seinem Eintritt in die Dienste Hideyoshis bereits als junger Samurai gleichfalls Zugang zu dem Kreis um Rikyû gefunden hat und bis zu dessen mehr oder weniger erzwungenem Seppuku auf die gleiche Weise wie die ‚Sieben Weisen‘ Schüler Rikyûs gewesen ist.

 

Von Hosokawa Sansai hieß es später, dass in seiner Art, Chanoyu zu praktizieren, der Stil Rikyûs sich am Deutlichsten erhalten habe. In jungen Jahre beteiligte er sich an den Feldzügen Nobunagas, schloss sich nach dessen Tod Hideyoshi an und stellte sich schließlich, nach dem Tod auch Hideyoshis, auf die Seite Tokugawa Ieyasus (1543 – 1616), des Begründers des Tokuguwa-Shôgunats. Nach der Eroberung der Burg von Ôsaka, Stammsitz und letzte Zuflucht des Toyotomi-Clans, erhielt Sansai für seine Verdienste die Provinz Buzen im Norden der Insel Kyûshû verliehen. Als treuer Anhänger der Tokugawa folgte ihm sein Sohn Hosokawa Tadatoshi nach, der für seinen Einsatz bei der Niederschlagung des Shimabara-Aufstands 1632 die Provinz Higo, die heutige Präfektur Kumamoto, zum Lehen bekam. Und dort lebt der Stil Hosokawa Sansais unter dem Namen Higokoryû bis heute weiter.

 

Wichtiger für die weitere Entwicklung des ‚Tees der Krieger‘ war Furuta Oribe, der nach dem rituellen Selbstmord Rikyûs dessen Stelle als oberste Autorität in Sachen Chanoyu bzw. Sadô (‚Weg des Tees‘) zunächst bei Hideyoshi und später bei den ersten Tokugawa-Shôgunen eingenommen hat. Von Ieyasu, dem Dynastie-Begründer, erhielt er den Auftrag, den Teeweg, der bis dahin trotz gegenteiliger Tendenzen unter Hideyoshi immer noch deutliche Spuren des von Rikyû bevorzugten Wabicha mit kleinen und relativ dunklen Teeräumen an sich trug (Rikyûs kleinster Teeraum, der später zum nationalen Kulturgut erhobene Taian, war gerade einmal zwei Matten groß), so umzugestalten, dass er dem sozialen Stand und dem Selbstverständnis der Samurai entsprach. Oribe entledigte sich dieser Aufgabe, indem er auf Vorbilder aus den Palästen der Ashikaga-Shôgune zurückgriff, unterschiedliche Räume mit größeren Fenstern miteinander kombinierte, den für Wabicha-Räume typischen Nijiriguchi, den engen Eingang der Gäste, den man nur auf allen Vieren passieren konnte, durch eine geräumigere Öffnung ersetzte, die den stolzen Samurai ein aufrechtes Betreten des Teeraums erlaubte, und obendrein neuartiges Teegerät entwarf, das dem Geschmack der vom anhaltenden Frieden frustrierten Jeunesse dorée unter den jungen Samurai besser entsprochen hat. Die Benutzung teurer Teegeräte, zu denen außer Karamono-Stücken bevorzugt aus der Song-Zeit auch herausragende Stücke japanischer oder koreanischer Provenienz gehörten, war nicht weniger als beim Tee der Kaufleute auch wesentliches Element eines ‚Tees der Krieger‘, wie er den Vorgaben des Tokugawa-Shôgunats entsprach. Doch neben diesem auch als Daimyôcha bezeichneten Samurai-Stil des Teeweges hielt Oribe an einem von ihm selbst favorisierten Wabicha fest, der sich auf einfacheres, zumeist japanisches Teegerät beschränkte – mit der Ausnahme einer einzigen schlichten Karamono-Chaire der Song-Zeit, genannt Seitaka, die einst Eigentum Nobunagas gewesen war und die innerhalb seiner eigenen Sammlung von Teegeräten etwas derart Besonderes darstellte, dass Oribe eigens zu dem Zweck eine Tee-Zusammenkunft abgehalten hat, sie seinen Gästen zu präsentieren. Darüber hinaus hat er an Rikyûs Vorliebe für kleine Teeräume angeknüpft und den 2-Matten-Raum des Taian zu einem 3-Matten-Raum erweitert, der zusätzlich quer dazu eine Dreiviertel-Matte für den Gastgeber aufwies; diesen Oribe-Teeraum konnten Gäste nach wie vor nur durch einen Nijiriguchi betreten, fanden sich dann aber, dank zusätzlicher Fenster, in einem weitaus helleren Innenraum wieder, als es etwa bei Rikyûs Taian der Fall gewesen war. Die Hartnäckigkeit, mit der Oribe selbst weiterhin einem möglichst reinen Wabicha anhing, trug ihm schließlich den Unwillen Ieyasus ein, was zu seinem vom Shôgunat verordneten Seppuku nicht unwesentlich beigetragen haben dürfte. Gleichwohl ist die Oribe Ryû, die von ihm begründete Teeweg-Tradition, dank der Vermittlung durch einen entfernteren Verwandten dem Untergang entronnen und wird auf Kyûshû in der Präfektur Ôita bis in die Gegenwart fortgeführt.

 

Ueda Sôko, anfangs wie Oribe Schüler und wiederholter Gast bei den Tee-Veranstaltungen Rikyûs, hat sich in der Folgezeit Oribe angeschlossen und ist bis zu dessen Seppuku einer seiner drei wichtigsten Schüler gewesen. Viele Jahre später – nach einem wechselvollen Schicksal und genau vier Jahre nach Oribes erzwungenem Tod – hat Sôko im Jahre 1619 unter der Ägide seines Dienstherren Asano Nagaakira (1586 – 1632) in Hiroshima eine bleibende Heimstatt gefunden. Auf dem Gelände der Burg schuf er nach dem Vorbild Oribes ein Ensemble von Räumlichkeiten, wie sie für einen Besuch des Shôguns bei einem seiner Lehensfürsten, das Shôgun onari, für angemessen erachtet wurden – Räumlichkeiten, in denen Sôko im Namen Nagaakiras und seines Nachfolgers die Tokugawa-Shôgune Hidetada und Iemitsu feierlich bewirtet hat. Wegen seines fortgeschrittenen Alters aus den Diensten der Asanos ausgeschieden, errichtete Sôko auf einem ihm westlich der damaligen Stadt Hiroshima übereigneten Anwesen sein an Oribes Vorbild ausgerichtetes Teehaus Enshô (‚Ferne Glocke), das einen auf 4-Matten erweiterten Raum für die Gäste mit einer gleichfalls quer dazu angeordneten Dreiviertel-Matte des Gastgebers aufweist. Ausgestattet mit einem Nijiriguchi-Eingang und einer Vielzahl großer Fenster hat ihm dieser Teeraum Gelegenheit geboten, seinen eigenen Stil des ‚Tees der Krieger‘, den Bukecha des Hauses Ueda weiter auszugestalten. Die nachfolgenden Generationen der Familie Ueda aber haben in den weitläufigen Räumlichkeiten auf dem Gelände der Burg von Hiroshima weiterhin im Namen des Asano-Clans Shôgun onari-Feierlichkeiten abgehalten, bis sie mit dem Anbruch der Meiji-Zeit ihren Hauptsitz auf dem Burggelände aufgeben mussten. Gleichwohl muss der dortige Gebäudekomplex weiterbestanden haben; denn der eigentliche Umzug auf das heutige Wafudô-Anwesen im Stadtteil Furue erfolgte erst zu Beginn der Shôwa-Ära (1926ff.): „Durch den Umzug nach Furue“ – so Ueda Sôkei, das derzeitige Oberhaupt der Ueda Sôko Ryû in einem NHK-Vortrag – „entkam der kostbare Besitz der Ueda‐Familie wenn auch nur knapp dem Abwurf der Atombombe am 6. August 1945, bei deren Explosion das Epizentrum fast direkt über dem ehemaligen Hauptwohnsitz auf dem Burggelände lag. So überstanden … die alten Schriften und das [gesamte Tee-]Gerät die Atombomben‐Katastrophe ohne den geringsten Schaden.“ Und aufgrund dieser erhalten gebliebenen Aufzeichnungen der Vergangenheit ist es Ueda Sôkei möglich gewesen, innerhalb des letzten Jahrzehnts die Shogun onari-Räumlichkeiten, wie sie auf der Burg gegeben waren, auf dem Wafudô-Gelände in ihrer grundsätzlichen Anordnung wiederherzustellen.

 

Oribe hat noch zwei weitere Samurai, genauer gesagt Daimyô, zu seinen Schülern gehabt, deren spezifische Teeweg-Traditionen auch heute noch eine nicht unerheblichen Rolle spielen: Kobori Enshû (1579 – 1647) und Katagiri Sekishû (1605 – 1673). Ersterer, dessen Enshû Ryû heute noch besonders auf Kyûshû verbreitet ist, hat die Teehaus-Architektur zu immer helleren, geradezu lichtdurchfluteten Räumen weiterentwickelt, hat der Zeremonie selbst durch Auswahl und Eigenart der Geräte eine stille, verhaltene Eleganz verliehen, die fortan als Kireisabi bezeichnet wurde, und hat nicht zuletzt, nach dem Tode Oribes die höchste Autorität in Sachen des Geschmacks der Samurai, eine Auflistung und Katalogisierung der Meibutsu, der berühmtesten, durch individuellen Namen ausgezeichneten Chawan, Chaire etc. zustande gebracht, bei der er die einzelnen Stücke drei unterschiedlichen Kategorien zuordnete: Meibutsu aus der Ashikaga-Zeit, Meibutsu aus der Zeit Rikyûs und Meibutsu aus jüngerer Zeit, von Oribe bis zur damaligen Gegenwart.

 

Die Sekishû Ryû hat nicht nur gleichfalls überlebt; sie hat sogar in der Meiji-Ära, als Japans traditionelle Künste zunächst der allgemeinen Geringschätzung anheimgefallen waren, dann aber, als Gegenschlag, zu ganz besonderer Wertschätzung aufstiegen, in den Kreisen der neuen Großindustriellen, die zumeist aus ehemaligen Samurai-Familien hervorgegangen waren, eine ganz besondere Wertschätzung erfahren. Denn anders als die übrigen, wieder erstarkten Teeschulen, die Mitte der Edo-Zeit das Iemoto-System eingeführt hatten, gab es in den verschiedenen Zweigen der Sekishû Ryû keinen obersten und alleinigen Entscheider, eben den Iemoto, dessen Vorgaben sämtliche Mitglieder der jeweiligen Teeschule einschließlich sämtlicher Teelehrer Folge zu leisten hatten: Die stolzen ‚Industrie-Barone‘ – vergleichbar dem Hause Krupp im Deutschland des 19./20. Jahrhunderts – empfanden es, immer noch vom Stolz der Samurai erfüllt, als unzumutbar, sich einem Oberhaupt welcher Teeschule auch immer bedingungslos unterzuordnen.

 

So viel zur Geschichte des Bukecha. Allerdings scheint es angebracht, noch einige Bemerkungen zu der zweiten Abgrenzung in der Welt des Tees vorzutragen, der Abgrenzung bürgerlicher Teeschulen, die sich als dem ‚reinen‘ Wabicha verpflichtet ausgeben, gegenüber dem ‚Tee der Krieger‘, häufig zu einem großspurig-luxuriösen Daimyôcha herabgesetzt. Insbesondere die drei Senke-Schulen sind nicht nur stolz darauf, sich auf Rikyû als ihren Ahnherrn berufen zu können; sie sehen sich auch als Erben und Vollstrecker des von Rikyû vollendeten Wabicha. Doch geschichtliche Tatsache ist, dass es die Söhne Sen Sôtans, des Sohnes eines Stiefsohns Rikyûs (1578 –1658), gewesen sind, auf die die Urasenke-, die Ômotesenke- und die Mushankojisenke-Schulen zurückgehen, und dass Sôtan, in der Überzeugung, den Fortbestand des Rikyû-Tees auf keine andere Weise sichern zu können, seinen Söhnen eine Anstellung bei bedeutenden Daimyô verschafft hat. So sind Sen Sôsa (1619 – 1672), Begründer der Ômotesenke, in die Dienste des Kii-Zweiges des Tokugawa- Clans in der heutigen Präfektur Wakayama und Sen Sôshitsu (1622 – 1697), Begründer der Urasenke, in die des mächtigen Maeda-Clans im heutigen Kanazawa eingetreten und hat Sen Sôshu (1593 – 1675), Ahnherr der Mushanokojisenke, Anstellung im Hauses Matsudaira in der heutigen Präfektur Aichi gefunden (es dürfte der Erwähnung wert sein, dass kein Geringerer als Tokugawa Ieyasu ursprünglich als Matsudaira Motoyasu eben dieser Familie angehört hat). Selbstverständlich sind über die pflichtgemäßen Aktivitäten dieser Schulgründer im Auftrag ihrer Dienstherren auch Einflüsse des ‚Tees der Krieger‘ in den angeblich ‚reinen‘ Wabicha der Senke-Familien eingedrungen: Der Versuch, den bürgerlichen Wabicha gegen den ‚Tee der Krieger‘ abzugrenzen, hat heute nur noch ideologischen Charakter.

 

Es bleibt noch die wichtige Frage, was denn der ‚Tee der Krieger‘ für die Samurai durch die Jahrhunderte hindurch bedeutet hat und was er heute für uns noch bedeuten kann. Da ist zum einen die Epoche anhaltender Kriege vom Ende der Sengoku-Ära 1573 bis hin zur endgültigen Etablierung des Tokugawa-Shôgunats im Jahr 1615. Aus Selbstzeugnissen, die sich beispielshalber in der Ueda Sôko Ryû erhalten haben, lässt sich entnehmen, dass Tee-Zusammenkünfte zu dieser Zeit wesentlich dazu gedient haben, den Überlebenden einer Schlacht auf dem Wege der Selbstbesinnung dazu zu verhelfen, aus ihren Schuldgefühlen – vergleichbar denen von Überlebenden des Holocaust – ins Leben zurückzufinden, haben doch die Samurai zusätzlich zur Schuld bloßen Überlebens auch noch dadurch Schuld auf sich geladen, dass sie aufgrund ihrer absoluten Loyalität gegenüber ihrem Dienst- und Kriegsherren auch gegen Samurai haben kämpfen müssen, mit denen sie bis dahin möglicherweise sogar befreundet waren. Während des anschließenden Tokugawa-Shôgunats erhielt die Teezeremonie eine ganz andere, und zwar politische Bedeutung. Zumindest die Daimyô waren nicht nur gezwungen, in Edo einen eigenen repräsentativen Wohnsitz zu unterhalten, sich dort für einen Großteil des Jahres aufzuhalten, während ihrer Abwesenheit von Edo ihren ältesten Sohn als Geisel zurückzulassen – sie waren auch gehalten, sich dem Teeweg zu widmen, damit sie, so die heimtückische Absicht des Shôgunats, genötigt waren, einen nicht geringen Teil ihrer Einkünfte für den Erwerb teurer Teegeräte sowie für die Abhaltung von Tee-Veranstaltungen wie dem Shôgun onari oder auch nur für gegenseitige Einladungen auszugeben – statt für ein eigenes Heer, mit dem sie sich gegen den Shôgun hätten erheben können! So wurde der ‚Tee der Krieger‘ zu einer gesellschaftlichen Verpflichtung, die einzulösen schließlich auf einen erlesenen Zeitvertreib hinauslief – nichts anders als beim Tee der wohlhabenden Kaufleute. Und in der anschließenden Zeit der Meiji-Restauration samt nachfolgender Taishô-Ära diente der ‚Tee der Krieger‘, nunmehr ein ‚Tee der Großkapitalisten‘, neben höchst kultivierter geselliger Unterhaltung vor allem der Repräsentation ihrer gesellschaftlichen Stellung.

 

Und heute? Nachdem wir auch noch die Pervertierung des Tees zum ‚Tea for War‘ im Japan der frühen Shôwa-Ära (1926 – 1945) hinter uns gebracht haben, bleibt uns nur, an den Geist des Bukecha aus seinen Anfängen anzuknüpfen und den Teeweg als Besinnung auf unser zugleich freudvolles und fragiles Lebendig-Sein zu erleben – in einer Welt, in der jedes Ereignis, zumal jede nicht alltägliche Tee-Zusammenkunft den Stempel des Ichigo ichie, der unwiederbringlichen Einmaligkeit an sich trägt, derer sich bewusst zu sein unserem Gefühl, hier und jetzt am Leben zu sein, eine besondere Tiefe verleiht – die Tiefe eines von Gegenwärtigkeit erfüllten Lebens im Horizont des stets mit bedachten Todes. Auf eindringliche Weise hat das Ii Naosuke (1815 – 1860), Samurai und Daimyô der Tokugawa-Ära und als Mann des ‚Tees der Krieger‘ Anhänger der oben erwähnten Sekishû Ryû, bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Buch Chanoyu Ichie Shû ausgesprochen (zitiert nach Tea in Japan, Essays on the History of Chanoyu, University of Hawai’i Press, 1989, S. 187):

 

Great attention should be given to a tea gathering, which we can speak of as ‘one time, one meeting’ (ichigo, ichie). Even though the host and guests may see each other often socially, one day's gathering can never be repeated exactly. Viewed this way, the meeting is indeed a once-in-a-lifetime occasion. The host, accordingly, must in true sincerity take the greatest care with every aspect of the gathering and devote himself entirely to ensuring that nothing is rough. The guests, for their part, must understand that the gathering cannot occur again and, appreciating how the host has flawlessly planned it, must also participate with true sincerity. This is what is meant by ‘one time, one meeting’:

 

„Besondere Aufmerksamkeit verdient eine Tee-Versammlung, auf die die Bezeichnung Ichigo ichie (‚eine Lebensspanne, eine Zusammenkunft‘) zutrifft. Auch wenn sich Gastgeber und Gäste im sozialen Leben immer wieder begegnen, lässt sich das Treffen [dieses] einen Tages niemals genau wiederholen. So betrachtet ist die Zusammenkunft in der Tat eine Gelegenheit, die sich nur einmal in der Spanne eines [ganzen] Lebens ereignet. Dementsprechend muss der Gastgeber in aufrichtiger Ernsthaftigkeit auf jede Einzelheit des Zusammentreffens die größte Mühe verwenden und sich ganz und gar dem Bemühen widmen, dafür zu sorgen, dass auch nicht die geringste Kleinigkeit irgendeine Nachlässigkeit aufweist. Die Gäste müssen sich ihrerseits dessen bewusst sein, dass das Zusammentreffen niemals wiederkehren wird, und ihren Anteil gleichfalls mit aufrichtiger Ernsthaftigkeit ausführen, erfüllt von der Wertschätzung dafür, wie der Gastgeber die Zusammenkunft makellos vorbereitet hat. Das ist es, was die Bezeichnung Ichigo ichie, ‚eine [endliche] Lebensspanne, eine [einmalige] Zusammenkunft‘ bedeutet.“

 

Für Peter Janssen und Martyna Lesniewska / Samurai Museum Berlin

 

- Dietrich Roloff / Jana Roloff -