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Zen und die „Schöpfung“

Es ist in aller Munde: Uns steht eine globale Klimakatastrophe bevor, die letztlich die Existenz der gesamten Menschheit bedroht. Ob wir wollen oder nicht – wir müssen versuchen, sie zu verhindern. Vertreter der beiden christlichen Kirchen reden da gerne von einem „Bewahren der Schöpfung“. Doch ist das nicht Augenwischerei? Denn die Welt, in der wir leben, ist durchaus keine ‚Schöpfung‘, wie sie das Christentum aus den uralten Mythen des frühen Judentums übernommen hat, dergestalt, dass ein Herman Melville – zweifellos zum Wohlgefallen US-amerikanischer Evangelikalen – seinen großen Roman ‚Moby Dick‘ mit der Bemerkung enden lassen kann, dass die Wogen des Meeres über der untergegangenen ‚Pequod’ dahinrollen „wie vor 6000 Jahren“ (was in etwa der Zeitpunkt des ‚Schöpfungsgeschehens‘ ist, der sich aus den Angaben des Alten Testaments errechnen lässt).

 

Aber wenn keine „Schöpfung“, was ist sie dann, diese unsere Welt? Nun, sie ist – wie heutzutage kein Vernünftiger mehr bestreiten kann – das Ergebnis einer 4,5 Milliarden währenden Evolution. Einer Evolution, die mehrfach eine nahezu vollständige Auslöschung aller Lebensformen hinnehmen musste und doch jedesmal eine unermessliche Vielzahl neuer Lebewesen pflanzlicher und tierischer Art hervorgebracht und zu einem jeweils relativ stabilen weltweiten Ökosystem vereinigt hat. So ist auch die Welt, in der wir heute leben, ein solches relativ stabiles Ökosystem, das sich seit der letzten Eiszeit herausgebildet und in dem sich unser Geschlecht des Homo sapiens derart optimal angepasst entwickelt hat, dass wir nunmehr als die eine, besondere Hervorbringung der Evolution unter Hunderten von Millionen anderen imstande sind, das derzeitige Gleichgewicht zu zerstören. Es kann also nur darum gehen – und das tut es in der Tat – ein temporäres Ökosystem soweit zu erhalten, dass die Menschheit – zusammen mit möglichst vielen anderen Lebensformen – weiterhin darin überleben kann. Falls uns das aber nicht gelingt, so bedeutet das dennoch kein Ende der Evolution – sie wird nur ohne uns und unsere Mitwelt an Lebewesen weitergehen, als ein Aufbruch zu neuen, unvorhersehbaren Ufern.

 

Es gibt also keine „Schöpfung“, die privilegiert wäre, als einzige von vielen längst vergangenen Etappen der Evolution erhalten zu bleiben. Auch ohne ein Weiterbestehen der Menschheit wird die Erde noch eine Vielzahl neuer Gleichgewichtsperioden durchlaufen. Und folglich geht es in unserer Situation allein darum, die Grundlagen unserer eigenen Existenz zu erhalten – und in einer Art von aufgezwungenem Altruismus, auch die der anderen derzeitigen Lebewesen.

 

Aber was hat denn Zen mit alledem zu tun? Betreibt es nicht gleichermaßen Augenwischerei? Welchen Aspekt wir auch immer am Zen hervorheben – es steht nicht gut für das Zen. Zazen, die ‚Versenkungsübung‘, kann für sich allein der bereits in Gang befindlichen Klimakatastrophe ebenso wenig wie ein päpstlich angemahnter ‚Gebetsmarathon‘ die Spitze nehmen. Die Abwendung des immer noch Schlimmeren verlangt Handeln statt Meditation. Allenfalls können wir uns einreden, dass Meditation uns zu besseren, genügsameren Menschen macht, die durch Verzicht auf lieb gewordene Gewohnheiten des Konsums, der Mobilität, der Behausung sozusagen ‚selbstlos‘ amtlicherseits verordnete Maßnahmen unterstützen. Doch selbst diese hypertrophe Verklärung der Meditation wäre nur eine mildere Form von Selbstbetrug.

 

Als geradezu gefährlich kann sich Zen erweisen, wenn es mit seiner Behauptung einer ewigen ‚Buddha-Natur‘ und deren Erhebung zu einer ‚wahren Wirklichkeit‘, auch unserer eigenen, uns die Bedeutung unserer physischen Existenz geringschätzen lässt – einer physischen Existenz, mit der wir individuell wie kollektiv in das gegenwärtige ökologische Gleichgewicht der Welt eingepasst sind. Eine Reminiszenz des Verfassers, die sich bis heute nicht abgeschwächt hat, möge die Gefahr eines solchen Zen-spezifischen  Wegschauens verdeutlichen. Seine Frage als Anfänger: ‚Wenn gerade in diesen Tagen, da wir uns hier zu einem Sesshin zusammengefunden haben, über dem nahe gelegenen Hamburg eine Wasserstoffbombe expodierte - wie wäre das zu bewerten?‘ Antwort des Lehrers: ‚Das wäre sicherlich höchst bedauenswert, aber insofern nicht weiter schlimm, als ja unsere ‚Buddha-Natur‘ davon nicht betroffen wäre.‘ - Genauso ließe sich die drohende Klimakatastrophe verharmlosen!

 

Auch ein Zen ohne ‚Buddha-Natur‘, wie es auf diesen Seiten vertreten wird, könnte der Augenwischerei beschuldigt werden. Wenn dieses Zen nämlich darauf hinausläuft, dass wir uns – so die ketzerische Behauptung – anstatt in einer vermeintlichen ‚Buddha-Natur‘ vielmehr hier inmitten der irdischen Welt soteriologisch aufgehoben fühlen können, so ist das offensichtlich plumper Selbstbetrug: Wie sollten wir uns in einer Welt aufgehoben oder gar zuhause fühlen, die uns mit Wirbelstürmen, Sturmfluten, Dürre- und Hitzeperioden, Überschwemmungen infolge anhaltender Starkregen, Eisschmelzen und Anstieg des Meeresspiegels derart zu Leibe rückt, dass uns – könnten wir denn – nur die Flucht in weniger betroffene Regionen der Erde als Rettung übrig bliebe!? Nein, eine solchermaßen aus den Fugen geratene Welt kann für uns kein ‚Haus des Wohnens‘ sein. Zuhause und aufgehoben fühlen können wir uns inmitten der allemal gefährdeten ‚Zehntausend Dinge‘ nur, wenn und solange die klimatischen Kreisläufe, denen wir bis heute unsere Existenz verdanken, zumindest im Großen und Ganzen erhalten bleiben – und eben dazu bedarf es keiner Zuflucht in ein wie auch immer geartetes Zen, sondern konkreter und gesetzlich verordneter wie politisch durchgesetzter Maßnahmen.

 

Wenn Zen, geschichtlich gesehen, in seinen Anfängen, also als das chinesische Chan, neben der Buddha-Lehre gleichermaßen die Lehre vom DAO zur Grundlage hat, so sind wir, dreitausend Jahre später, notgedrungen darüber hinaus: Sosehr uns Sätze wie diese: „Anfangs bin ich dem Duft der Gräser nach bergauf davongegangen, dann aber, auf der Jagd nach fallenden Blütenblättern, hierher in den Alltag zurückgekehrt!“ (Kôan 36 Bi-yan-lu) zu trösten vermögen – das DAO, ein sich selbst erhaltendes ökologisches Gleichgewicht, kann für uns Heutige längst keinen ewig gleichen Bestand mehr haben; es ist ein ‚Fließgleichgewicht‘, das – gemäß den Einsichten der Chaos-Theorie – in immer wiederkehrenden ‚Phasen der Instabilität‘ auf nicht vorhersehbare Weise in eine jeweils neue Ordnung samt neuer temporärer Stabilität umschlägt. Allenfalls könnten wir das als ein DAO zweiter Ordnung anerkennen, das über die gesamte kosmische Evolution hinweg seine Gültigkeit behält. Allerdings ein DAO zweiter Ordnung, das von uns statt des originären wú wéi, des daoistischen ‚Nicht-Handelns‘, im Gegenteil ein Handeln verlangt, mit dem wir uns aus eigener Kraft als Menschheit so zu erhalten vermögen, wie es das DAO der alten Chinesen im Falle unseres ‚Nicht-Handelns‘ in gleichsam mütterlicher Fürsorge für uns geleistet hätte.

 

- Dietrich Roloff -