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Liest heute noch jemand Gedichte, gar solche wie diese?

Abendfrieden I

Abendfrieden

Schon das Wort beseligt.

Und wie es trifft –

Der Welt ins Herz aus Glück. 

 

Was Wind, was Sturm war,

Hat zur Ruhe sich gelegt:

Der Himmel klar und still,

Das Licht, im Sinken Gold,

Verklärt die Fluren weit ins Land.

Die Bäume ragen in ihr Schweigen auf,

Gelassen, uns zu sanftem Trost –

Die Nacht, sie zögert noch

Und schenkt dem Tag ein letztes Blüh’n;

Die Zeit verhält ihr Schreiten

Für einen langen, atemtiefen Augenblick,

Durch den, was jenseits ist und ohne Zeit,

Wie durch ein Tor, ein leises,

In das Gehöft der Dinge tritt.

Was noch an Schmerzen war, erlischt,

Und Ängste auch sind keine mehr. 

 

Und Abendfrieden nimmt

Den Vogelflug vom Firmament.

Du bist jetzt still wie alle Welt,

So reich an Glück –

Und Tränen müssten stürzen,

Ließ’ es die Stille zu!

 

 (Für Jana – Skovby, 2007)


Abendfrieden II

Und Abendfrieden umhüllt dich –

Die Stunde des Abschieds nah.

 

Im Stehen und Schauen trinkst du,

Trinkst du dich voll mit Welt.

Kein Blick in leer-kalte Weiten,

Wie sie Caspar D. Friedrich

Seinen Bildern einst eingemalt.

 

Du trunken von Glanz und Nähe,

Vom Warmstrom auf deiner Haut.

Kein Jubel von deinen Lippen –

Und keine Sehnsucht auch.

Fülle des Lichts und Erfüllung,

Einst auf den Wiesen des Schwarzwalds,

Den Hängen des Rosengartens –

heute weisen die Hänge

Zur Stunde des Todes hinab.

 

Doch unverloren das Glück

Aus der Helle der Tage,

Heute, wer weiß es, der letzten,

Immer noch reif für die nächste,

Nordwärts, die Mittsommernacht –

Unermesslich ihr Frieden

Dir vor dem Untergang.

 

Und Abendwind auf den Bäumen –

Vor ihrem Rauschen gestillt

Du – und wie atemlos.

 

1. August 2021