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Gewissensbisse?

Und vor der Türe des Hauses

Sitzen nicht, wie bei Hölderlin,

Mutter und Kind,

Sitzt vielmehr du,

Sitzt du allein

Und schaust den Frieden der Bäume,

Groß, überwölbend, rot,

Schaust den Frieden des Lichts

Auf altem Gemäuer,

Schwarzverwittert das Holz,

Sinnbild, dass alles vergänglich ist,

Auch dieser Blaue Planet,

Dieser Reigen aus Jahreszeit,

Wiederkehr,

Der uns erst möglich gemacht.

 

Noch schreckt das Ende der Welt dich

Nicht, so nah und entfernt es ist –

Dich, mit dem Tod

Längst schon vertraut

Dank Kôan MU.

So schmerzverstörend die Aussicht,

Umkehr und Rettung sei

Nicht mehr möglich, so sehr

Ein letzter Versuch noch

Aussteht, wenn er denn kommt –

Noch sind da Inseln aus Gleichgewicht,

Scheinbar beständige Welt,

Ihnen kannst du dich anvertraun,

Vorerst noch,

Du doch so sterblich wie sie.

 

Aber gemach:

Darfst du denn, angesichts

Erdumspannenden Untergangs,

Schneller hier,

Langsamer dort,

Dich deinem kleinen Glück

Widmen, dem Glück,

Dich an den Rest heiler Welt

Rückhaltlos zu verlieren?

Müsstest du nicht, statt

Deiner Einkehr in Stille,

Dich mit Haut und mit Haar ins

Rettungsgetümmel stürzen?

Ja, du müsstest heraus aus

Deiner In-Zen-Verliebtheit,

Ja, du weißt es, und dein Verweis

Auf die Gebrechen des Alterns

Ist, moralisch gesehen,

Nur fadenscheinig, nur Feigenblatt.

Ja, du müsstest – doch was

Richtete dein

Mitwirken letztendlich aus?

Schriebst du dir auch die Finger wund,

Ein weiterer Mahner zu werden –

Echolos bliebe dein Ruf

Im Wortgewirr der Entscheider,

Das Ruf um Ruf der Experten

Wider Vernunft überdeckt.

 

9. August 2021, am Tag der Veröffentlichung des 6. Gutachtens des Weltklimarats.

 

Ein triadisches Gedicht à la Pindar (522 – 438 v.u.Z.), bei dem die beiden ersten Strophen (als στρφή und ἀντίστροφος) einander in der Anzahl der Zeilen, der Silbenzahl je Zeile und der rhythmischen Struktur der einzelnen Zeilen aufs Genaueste entsprechen, während die dritte Strophe eine Art Abgesang (ἐπῳδή) darstellt, formal eigenständig und – in diesem Fall – inhaltlich konträr zu den beiden voraufgegangenen Strophen, nämlich ihnen gegenüber kritisch gestimmt.

 

Auch Hölderlin hat sich in seinen späten Hymnen wie der Friedensfeier des pindarischen Triaden-Schemas bedient, sich dabei aber lediglich an die Gleichheit der Zeilenanzahl von Strophen und Gegenstrophen (jeweils 12) sowie die gleichbleibende Zeilenzahl der Epoden (allemal 15) gehalten.

 

- Dietrich Roloff -