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Das Epikur-Experiment ...

… ist ein reines Gedanken-Experiment, das sich an ein Axiom des griechischen Philosophen Epikur, 341 – 271 v.u.Z., anschließt:

 

„Der Tod betrifft uns nicht; denn wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht, deshalb geht uns der Tod nichts an.“

 

In der Tat, unsere absolute Sterblichkeit, zunächst nur eine Hypothese, als unbezweifelbares Faktum vorausgesetzt, können wir zwar unser Sterben erleben, aber unseren Tod, das Ergebnis des Sterbevorgangs, können wir nicht erleben, einfach deshalb nicht, weil es uns dann ja bereits nicht mehr gibt. Solange wir aber leben, gibt es den Tod für uns nur als den Tod anderer, das Nicht-mehr-da-Sein von Angehörigen, Freunden oder von Berühmtheiten, deren Ableben wir aus den Nachrichten oder Zeitungen erfahren. Doch den eigenen Tod, und da hat Epikur durchaus Recht, gibt es für uns als tatsächliches Ereignis gerade nicht. Denn unser eigenes Nicht-mehr-da-Sein könnte es für uns nur solange geben, wie wir noch da sind, das aber trifft ja, wenn wir nicht mehr da sind, gerade nicht länger zu.

 

Ja, noch weitergedacht: Wenn wir tot, also nicht mehr da sind, dann hat es für uns auch kein Sterben und keinen Tod jemals gegeben, wie es auch unser Leben, zumindest für uns selbst, dann niemals gegeben hat. Doch auch diese Formulierung geht noch an der Sache vorbei: Wenn wir nicht mehr da sind, dann kann es auch ein ‚für uns‘ nicht mehr geben, weil das ja bereits voraussetzt, dass es uns noch irgendwie gibt. Wenn wir nicht mehr da sind, gibt es auch kein Bewusstsein unserer selbst mehr, kein Wissen um uns selbst, weil es dieses ‚Selbst‘ nicht mehr gibt. Alles, was uns passieren kann, was uns je hat passieren können, gibt es nur, solange da ein ‚Selbst‘ ist, dem es passiert oder jemals passiert ist. Und dieses ‚Selbst‘ existiert nicht mehr, wenn es uns nicht mehr gibt.

 

Epikur hat sein Axiom formuliert, um uns die Angst vor dem Tod zu nehmen und uns somit in den Stand zu versetzen, ein heiteres und gelassenes Leben zu führen. Und – abermals – in der Tat, wenn wir auch unseren Tod nicht erleben können, so kann doch durchaus die Angst vor dem Tod unser Leben erfüllen und verdüstern. Doch statt dass die obigen Verdeutlichungen des Epikur-Axioms im Sinne seines Erfinders die Angst vor dem Tod vermindern oder gar zum Verschwinden bringen, kann ihre Wirkung darin liegen, dass sie diese Angst im Gegenteil nur verstärken – zumindest als die Angst vor Auslöschung: nicht mehr weiterführen zu können, was unserem Leben Bedeutung verleiht, was an Freuden uns unverzichtbar erscheint – aber auch, nicht dessen teilhaftig zu werden, was wir uns als Kompensation für erlittenes Unrecht, für erlittene Beeinträchtigungen aller Art nach dem Tode erhoffen.

 

Und damit sind wir bei einem zweiten Aspekt der Angst vor dem Tod angelangt, der Angst vor dem, was uns nach dem Tode erwartet. Shakespeare etwa lässt seinen Hamlet in einer sprichwörtlich gewordenen Formulierung darüber meditieren, was seinen Oheim, den Mörder seines Vaters, davor zurückschrecken lässt, den Qualen seines ihn peinigenden Gewissens durch Selbsttötung zu entkommen:

 

to die, to sleep; / To sleep, perchance to dream – ay, there’s the rub; / For in that sleep of death what dreams may come, / When we have shuffled off this mortal coil, / Must give us pause – there’s the respect / That makes calamity of so long life.

 

Oder als Beispiel aus der Geschichte des Zen: Noch der große Hakuin, 1686 – 1769, der Erneuerer des Rinzai-Zen, hat in den Jahren seiner Jugend unter der Angst vor Höllenqualen gelitten, die ihn, wie er glaubte, aufgrund selbst unabsichtlicher und noch so geringer Abweichungen vom Buddha-Weg unvermeidlich bevorstünden. Und der Tibetische Buddhismus malt auf seinen Thangkas geradezu mit Leidenschaft die Höllenqualen in allen Einzelheiten aus - Hieronymus Bosch hätte sie nicht drastischer in Szene setzen können.

 

Das ist die Kehrseite des allen Religionen gemeinsamen Versprechens, dass mit dem Tod für uns noch keineswegs alles vorbei sei, dass uns im Gegenteil ein Weiterleben nach dem Tode unzweifelhaft bevorsteht. Ob Christentum, ob Islam, beide wirken jedoch dieser Angst vor dem Tod durch die Verheißung entgegen, dass es für uns nach dem Tod erst richtig aufwärts geht, hier dank einer ‚ewigen Seligkeit‘, dort dank der Ankunft in einem höchst irdischen ‚Paradies‘. Auch der Buddhismus hält für seine Anhänger das Versprechen eines besseren Lebens erst nach dem Ende unseres Lebens bereit, so der Amida-Kult mit seiner Verheißung eines ‚Buddha-Landes fern im Westen‘, in das dem Jôdoshinshû zufolge auch derjenige aufgenommen wird, der lediglich am Ende seines Lebens wenigstens einmal das ‚Namu Amida Butsu‘ ausspricht.

 

Für die Anhänger einer all dieser Religionen gilt, dass ‚uns der Tod‘, konträr zum Axiom des Epikur, durchaus ‚etwas angeht‘. Denn für sie hat der Tod eine sogar ganz entscheidende Bedeutung, nämlich als Übertritt in das, was sie, ihrer Glaubensvorstellung gemäß, nach dem Tod erwartet. Für den Katholiken etwa bedarf es, wenn denn alles gut gehen soll, einer letzten Beichte und/oder einer letzten Ölung; und im Tibetischen Buddhismus bedarf schon der Eintritt in das Bardo, den Zwischenzustand zwischen Tod und neuer Geburt, einer besonderen Vorbereitung, um während des Bardo die richtige Entscheidung bei der Wahl des nächsten Lebens treffen zu können. Und für die Anhänger des Buddha Amida ist der letzte Augenblick – siehe oben – sogar von geradezu ausschlaggebender Bedeutung, wenn sie nämlich während des voraufgegangenen Lebens unter dem Druck ständiger individueller Daseinsvorsorge oder von der Obrigkeit auferlegter Zwangsarbeit wie im mittelalterlichen Japan keine Gelegenheit gefunden haben, sich den Erlöser Amida durch zeitraubende religiöse Übung rechtzeitig gewogen zu machen.

 

Für all diese Gläubigen gilt desweiteren, dass die Vorstellung, die sie im Leben von ihrem Leben nach dem Tod haben, das nicht ganz unwichtige Detail einschließt, dass sie auch nach ihrem Tod um ihren Tod wissen, also eine Vorstellung davon haben, dass sie und wie sie gelebt haben und gestorben sind. Ob sich diese ihren Lebzeiten zugehörige Vorstellung nach ihrem Tod erfüllen kann, ob also das, wovon sie im Leben glauben, dass es nach ihrem Tod eintreten wird, tatsächlich eintritt, hängt nun aber allein davon ab, ob wir durch und durch sterblich sind oder nicht. Damit sind wir zu der eingangs als bloße Hypothese eingeführten absoluten Sterblichkeit alles Lebenden einschließlich unserer selbst zurückgekehrt.

 

Angesichts der Erfolge der Neurowissenschaften während der letzten Jahrzehnte fällt es allerdings zunehmend schwer und immer schwerer, an die Existenz eines Etwas zu glauben, das unabhängig von – und dann zusätzlich zu – dem Substrat unseres Zentralnervensystems irgendein Phänomen unseres seelisch-geistigen Lebens, unserer emotionalen Befindlichkeiten und unserer kognitiven Leistungen einschließlich des Bewusstseins unserer selbst zustande brächte. Im Gegenteil, einschlägige Forschungsergebnisse lassen mehr und mehr den Glauben an eine von unserem Zentralnervensystem unabhängige und nur deshalb den Tod überdauernde Seele-Geist-Einheit als kontrafaktischen Glauben erscheinen. Ja, die vermeintliche Abhängigkeit unserer seelisch-geistigen Fähigkeiten von den Prozessen innerhalb unseres Zentralnervensystems einschließlich seiner Interaktionen mit der uns umgebenden Außenwelt ist streng genommen gar keine Abhängigkeit eines X von einem Y, sondern eher ein unauflösliches Miteinander-Verbunden-Sein (ein bestimmtes Gefühl, ein bestimmter Gedanke, eine bestimmte Wahrnehmung ist zeitgleich von der Aktivität entsprechender Neuronen-Schaltkreise begleitet wie umgekehrt die Stimulierung bestimmter Neuronen-Schaltkreise zeitgleich von den entsprechenden Gefühlen, Gedanken oder Wahrnehmungen begleitet ist – und der Ausfall bestimmter Neuronen-Schaltkreise läuft auf das gleichzeitige Verschwinden der entsprechenden seelisch-geistigen Prozesse hinaus). So wird aus unserer unleugbaren Sterblichkeit eine absolute Sterblichkeit und aus ihrer bloß hypothetischen Gegebenheit ein nahezu unbestreitbares Faktum. Im ‚Schwarzen Loch‘ unseres Todes verschwindet alles, und zwar für immer, was uns zu Lebzeiten ausmacht.

 

PS Und was hat das alles mit Zen zu tun? Nun, zum einen stellt Zen diejenige Strömung innerhalb des Buddhismus dar, die ihrem Selbstverständnis nach das sofortige Vermeiden von neuer Geburt, das Nicht-mehr-weiter-Leben nach unserem Tod und damit die restlose Sterblichkeit des Individuums förmlich zum Programm erhoben hat: Ziel der Zen-Übung ist das Erlangen von Satori, und Satori zu erlangen bedeutet, die Verkettung von Ursache und Wirkung ein für alle Mal zu durchbrechen und so mit dem Tod für immer ausgelöscht zu sein. Und zum anderen kann uns Zen, von unserer eigenen Praxis her gesehen, mit der Radikalität seines Kôan MU, seiner uns auferlegten Einübung ins bĕn-lái wú yī wù / honrai mu ichi motsu, zu Deutsch ‚Im Ursprung ist da kein einziges Ding‘, dazu verhelfen, angesichts der obigen Überlegungen gerade nicht in Verzweiflung zu verfallen, ja nicht einmal auch nur ansatzweise zu verzagen.

- Dietrich Roloff -