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„Was gelten die Fünf Kaiser uns, und was die Drei Erlauchten?“ …

… so hat Wilhelm Gundert, sprachlich höchst gekonnt, die zweite Zeile des ‚Lobgesangs‘ übersetzt, den Xue-dou Zhong-xian dem dritten seiner ‚100 Beispiele der Alten‘  beigegeben hat, aus denen dann hundert Jahre später das Bi-yan-lu hervorgegangen ist. Und diese Übersetzung des chinesischen Originals lädt in der Tat dazu ein, den herablassenden Ton herauszuhören, der, laut Yuan-wu Ke-qin, dem Herausgeber des Bi-yan-lu, die Beamten der kaiserlichen Zensurbehörde, wenn nicht gar den Kaiser selbst veranlasst hat, Xue-dous ‚100 Beispielen‘ die Druckerlaubnis zu verweigern: Diese Formulierung laufe auf eine Herabwürdigung der großen, höchster Verehrung würdigen Kulturheroen der chinesischen Geschichte hinaus.

 

Mag auch meine eigene Interpretation des Kôan 3 Bi-yan-lu eher in die entgegengesetzte Richtung weisen, so nehmen ich mir doch, rein versuchsweise, hier einmal die Freiheit heraus, der fraglichen Zeile eben den leicht abwertenden Ton zu unterstellen, der in Gunderts Übersetzung zweifellos verborgen liegt: „Was sollen sie uns schon sein, die Lin-ji Yi-xuan, Yun-men Wen-yan, Xue-dou Zhong-xian, Hong-zhi Zheng-jue, Wu-men-Huai-kai und Huang-bo Xi-yun?“ – denn das wären unsere ‚Fünf Kaiser‘ mitsamt den ‚Drei Erlauchten‘, von denen bei näherer Nachforschung zwei bereits in den Ersteren enthalten sind.

 

Ja, sie sind für uns, zumindest in der Welt des Chan, so etwas wie ‚Kulturheroen‘, deren Leistung eben darin besteht, uns den Boden bereitet und den Weg eröffnet zu haben. Und sie sind sehr wohl unserer ‚höchsten Verehrung würdig‘ und werden ihrer auch tatsächlich teilhaftig, wie beispielshalber schon der hymnische Ton bezeugt, den meine eigenen Erläuterungen zum Kôan 3 Bi-yan-lu ganz und gar nicht verhehlen können.

 

Aber warum dann dieses abschätzige „Was sollen sie uns schon sein?“ Nun, es kann einerseits kein Zweifel daran bestehen, dass wir sie brauchen, diese großartigen Anreger und Lehrmeister unserer Anfänge; sie befruchten unsere Übung und halten uns von Irrwegen fern; sie stacheln uns an, ‚das Letzte aus uns herauszuholen‘; sie geben uns Bestätigung, wenn wir einmal unseren eigenen Erfahrungen nicht so recht trauen mögen, und sind uns willkommene Leitschnur, wenn sich das Gelände, in dem wir mit unserer Übung unterwegs sind, überraschend als unwegsam erweist.

 

Zum anderen aber wachsen wir allmählich aus ihrer Obhut heraus, und das ganz unvermeidlich, weil wir, im anhaltenden Gegenüber zur Autorität unserer ‚Heroen‘, nicht umhin kommen, die Stationen unseres eigenen Weges fortwährend kritisch zu begleiten. Wir stellen uns, anfangs ganz vorsichtig, auf die eigenen Füße, gewinnen dabei immer mehr Selbstvertrauen und müssen uns irgendwann eingestehen, grundlegende Lehrinhalte der ‚Alten‘ nicht länger aufrechterhalten zu können. So ergeht es uns, wenn wir denn nur uns selbst gegenüber hinreichend kritisch sind, mit dem ‚Buddha-Wesen‘, auch ‚Buddha-Natur‘ genannt, mit dem Dharmakâya und schließlich sogar der Shûnyatâ, der ‚Leere‘ oder dem ‚Nichts‘. Wir enden dabei, dass es hinter den Dingen, hinter der Welt insgesamt nicht einmal ein ‚Nichts‘ gibt, oder anders gesagt, dass Dinge und Welt keine Rückseite haben, wo sich was auch immer verbergen kann: Da ist nichts, keine Rückseite, kein sei’s erschreckend leerer, sei’s lautlos tröstender Ort. Und das wiederum schenkt uns, so paradox es auch klingen mag, hier in der Welt und von ihr umschlossen einen Frieden, in dem wir auch die ‚Fünf Kaiser‘ und ‚Drei Erlauchten’ nicht mehr nötig haben: Wir blicken zwar dankbar zurück und bleiben dessen eingedenk, dass wir ohne sie niemals in diesem Frieden angekommen wären; doch zugleich liegen sie auch tatsächlich weit hinter uns zurück, so weit, dass sie unserem Auge durchaus entschwinden. Es bedarf dann eines förmlichen Entschlusses, sie selbst und ihre Großartigkeit uns wieder bewusst zu machen. Wir fühlen uns indes, trotz solcher Vorkommnisse, die bisweilen in nostalgische Anwandlungen ausarten mögen, grundsätzlich zu uns selbst ermächtigt und dabei unbeschwert unterwegs in weitem, sonnenbeschienenem Land, mit sanft liebkosendem Windhauch vom Meer und hellem Horizont, der nirgends einengt – wir fühlen uns von Frieden erfüllt und frei. Ohne ‚Fünf Kaiser‘ und ohne ‚Drei Erlauchte‘.

 

- Dietrich Roloff -