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Die Botschaft des Bi-yan-lu

Das Bi-yan-lu, ein voluminöses Buch aus der Zeit der chinesischen Song-Dynastie, ist auch heute noch – und wird es auch in Zukunft sein – der Klassiker des Rinzai-Zen, dort Hekiganroku geheißen. Ein japanische nummerierte Prachtausgabe aus dem Jahr 1963, die sogar den altchinesischen Blockdruck nachahmt, bringt es auf 440 Seiten; Gundert braucht in seiner umfangreich kommentierten ‚Niederschrift von der Smaragdenen Felswand‘ für die ersten fünfzig Kôan, also die Hälfte des chinesischen Textes, 745 Seiten, wohingegen meine eigene Bi-yan-lu-Ausgabe für alle einhundert Kôan samt Kommentaren mit 703 Seiten auskommt (dieser Vergleich ist insofern unfair, als Gunderts Ausgabe bei Hanser, 1960 und 1967, ein kleineres Seitenformat als meine Windpferd-Edition aufweist.)

 

So oder so – das Bi-yan-lu ist und bleibt ein höchst komplexes Buch. Wenn ich mich jetzt, zusätzlich zu meinen bereits vorgelegten Kommentaren, anheischig mache, so etwas wie eine ‚Botschaft des Bi-yan-lu‘ zu formulieren, so muss ich von vornherein eingestehen, dass ich eigentlich nichts Neues zu sagen habe. Es geht mir lediglich um ‚Komplexitätsreduktion‘, wie ich sie ja auch betreibe, wenn ich das Kôan MU zum Angelpunkt der Zen-Übung erkläre. Hier aber geht es darum, dass ich auf den Punkt zu bringen versuche, worauf das Bi-yan-lu mit all seinen einhundert unterschiedlichen Kôan letztlich oder zuvörderst hinauswill.

 

Die zentrale Botschaft des Bi-yan-lu lautet, chinesisch: tóng sĭ tóng shēng bzw. andersherum: tóng shēng tóng sĭ (was aber beides auf dasselbe hinausläuft), und deutsch: ‚gleichzeitig sterben und gleichzeitig leben‘ bzw. ‚gleichzeitig leben und gleichzeitig sterben‘. Oder, als Kôan formuliert: Zhao-zhou fragte Tou-zi: ‚Wenn ein Mensch, der vollständig gestorben ist, dennoch lebt, was dann?‘ Tou-zi sagte: ‚Es ist nicht erlaubt, bei Nacht zu reisen; in die Helle des Tages hinein muss man ankommen!‘ (Kôan 41 Bi-yan-lu).

 

Beginnen wir mit dem Kôan. Um ‚in die Helle des Tages hinein anzukommen‘ müssen wir ja wohl zuvor ‚bei Nacht gereist sein‘; denn ohne ein vorangehendes nächtliches Unterwegs-Sein können wir nicht am oder im Tag ‚ankommen‘. Wenn es stattdessen ganz ohne ein nächtliches Unterwegs-Sein abgehen soll, dann kann unsere ‚Reise‘ zwangsläufig erst und bereits bei Tag beginnen; doch das widerspricht dem Wortlaut des Kôan. Das ‚Reisen bei Nacht‘, das Tou-zi verwirft, muss also ein Reisen sein, das das Tageslicht scheut, das sich nur im Dunkel der Nacht tummeln will – weil es sich dort wohlfühlt und bereits ans Ziel gekommen zu sein glaubt. So kann mit dem ‚Reisen bei Nacht‘ nur gemeint sein, sich im Dunkel der Shûnyatâ aufzuhalten und damit zufrieden zu sein, sich dort uneingeschränkt tummeln zu können, ausgiebig und aller weiteren Wünsche ledig.

 

So gesehen entspricht Tou-zis Antwort exakt der Frage Zhao-zhous: Was bei dem einen das ‚vollständig Gestorben-Sein‘ ist, das ist beim anderen das ‚Reisen bei Nacht‘ und was bei Zhao-zhou ‚dennoch leben‘ heißt, besagt beim anderen die ‚Ankunft in der Helle des Tages‘. Und dann geht es in beiden Fällen, Zhao-zhous Frage und Tou-zis Antwort, um ein und dasselbe – darum, nicht einseitig das Eintauchen in die Shûnyatâ zu betreiben, sondern, man staune, darum, aus dem Dunkel der Shûnyatâ in das Licht des Lebens, in die Helle der Welt zurückzukehren. Genau das ist mit dem tóng sĭ tóng shēng gemeint, dem ‚zugleich sterben und leben‘ – wobei mit dem ‚zugleich‘ oder ‚gleichzeitig‘ gesagt sein soll, dass das neue Leben unmittelbar aus dem Sterben hervorgeht. Und die Umkehrung, das tóng shēng tóng sĭ, das ‚zugleich sterben und leben‘ weist darauf hin, dass es an uns liegt, hier und jetzt, mitten im Leben, das ‚vollständig Sterben‘ anzustreben und – etwa durch Versenkung in das Kôan MU – immer wieder einzuüben, um aus diesem Tod immer wieder zu einem neuen, einem freudevolleren Leben zu erwachen: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere“, wie in Beethovens 9. Symphonie. Dieses willentlich aufgesuchte ‚vollständig Sterben‘ bleibt aber gleichwohl, wenn es denn eintritt, ein Geschenk, etwas, das wir nicht erzwingen, auf das wir uns nur vorbereiten können (um Himmels willen denke bei diesen Worten niemand schon wieder an Heidegger und seine gleichlautenden Formulierungen bezüglich der „Ankunft eines rettenden Gottes“!) – ein Geschenk, das auch ausbleiben kann.

 

So lässt sich die ‚Botschaft des Bi-yan-lu‘ dahingehend komprimieren, dass das Ziel der Zen-Übung darin besteht, in eine Selbstauslöschung einzutauchen, aus der es uns wieder hervortreibt in ein Leben nachhaltigen Glücks und dauerhaften Friedens.

 

Ist das aber so, und ist und bleibt das Bi-yan-lu, wie eingangs gesagt, der Klassiker des Rinzai-Zen, dann liegt es auf der Hand, einer flach-geöffneten Hand, dass Zen mehr ist als nur ein Zur-Ruhe-Kommen, mehr auch, als sich durch Mu-shin lediglich einen reinen, weil leeren Geist zu erarbeiten, mehr auch, als durch Atemtraining oder Urschrei-Gebrüll eine kraftvollere Lebensenergie zu entfalten. Zen, so die ‚Botschaft des Bi-yan-lu‘, ist eine todernste Angelegenheit, bei der es ums Sterben geht und um die Qual des Sterbens, um das Erschrecken vor dem Abgrund des eigenen Verschwindens – unabhängig davon ob Xue-dou mit seinem Ausruf „Ich schnipse sie hinweg, bedauerliche Shûnyatâ!“ lediglich hat dasselbe sagen wollen wie Tou-zi, dass nämlich die Shûnyatâ (deren Existenz dabei unangezweifelt bleibt) nicht unser letztes und höchstes Ziel sein kann und darf (so die ‚schwache‘ Deutung) oder ob Xue-dou vielmehr die Shûnyatâ selbst hat über Bord werfen wollen (so die ‚starke‘ Deutung). Denn zum ‚vollständig Sterben‘ samt der Rückkehr ins Leben bedarf es keiner realen Shûnyatâ, sondern nur der Selbstauslöschung durch Eintauchen in MU, in das ‚Da ist nichts!‘.

 

Es drängt sich nach allem das Fazit auf, dass das Bi-yan-lu der Herren Xue-dou und Yuan-wu mit seiner Botschaft tóng sĭ tóng shēng noch im hundert Jahre späteren Wu-men-guan seinen Widerhall findet – spricht doch auch Wu-men in seinem Kôan MU von dem „freudevollen Glück" (welch ein Pleonasmus!) eines „vergnüglich-spielerischen Lebens“, das uns erst zuteilwird, wenn wir das ‚Da ist nichts!‘ als die „Sperre vor dem Tor unserer Schule“ durchbrochen, mithin durch das ‚vollständig Sterben‘  hindurchgegangen sind. Wu-mens Umschreibung dieses Prozesses als radikales „Abschneiden des Denkens“ bleibt freilich hinter der Strenge und Härte des tóng sĭ tóng shēng weit zurück; die ‚Botschaft des Bi-yan-lu‘ trifft der Zen-Übung auf eine unüberholbare Weise mitten ins Herz.

 

- Dietrich Roloff -