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Ein ‚Lauschender‘ zu sein …

Jüngst habe ich mich einem langjährigen Zen-sehnsüchtigen Email-Partner gegenüber als ‚ein Lauschender‘ ausgegeben. Das war ein spontaner Einfall, eine Reminiszenz an Barlachs ‚Fries der Lauschenden‘. Doch war es vielleicht mehr als nur ein spontaner und flüchtiger Einfall? Andererseits, wie wäre für Anhänger des Zen ein ‚Lauschender‘ zu sein mit den Schockwellen des Kôan MU oder mit den Ektasen des tóng sĭ tóng shēng des Bi-yan-lu in Einklang zu bringen?

 

Ein ‚Lauschender‘ zu sein heißt, ganz unabhängig von Zen, still zu werden; heißt, die vielerlei Stimmen, die fortwährend in uns am Werk sind, zum Schweigen zu bringen – um sich damit anderen Stimmen, der Vögel, des Windes, der Dinge zu öffnen: ‚Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus‘, so abermals Barlach, diesmal in seinem ‚Blauen Boll‘.

 

Stimmen der Dinge? Aber die sind doch stumm! Ja, und eben da beginnt es. Um die leise, kaum wahrnehmbare Stimme der Dinge vernehmen zu können, bedarf es mehr als nur eines kurzfristigen Lauschens, wie wir es jederzeit zustande bringen können –ein kleines Innehalten reicht schon dazu aus. Die Stimme der Dinge hingegen, wenn es denn eine gibt, verlangt ein anhaltendes oder zumindest ein lange eingeübtes Still-Sein – gerade so, wie es die Zen-Übung mit sich bringt, ja sogar anstrebt. Mushin heißt die Übung bekanntlich, ‚Nicht-Denken‘, und zielt darauf ab, nicht bloß diesen oder jenen Gedanken, sondern das Ich selbst zum Verstummen zu bringen, seine Pläne und Hoffnungen, seine Kümmernisse und Sorgen, kurz, alles von sich abzutun, womit es wie ein überlaufendes Gefäß angefüllt ist. Leer werden, leer sein ist die Devise, und wenn dieses ‚Leer sein‘ über bloßes Nicht-Denken erreicht werden soll, so ist das allerdings eine nahezu unendliche Aufgabe, vergleichbar – um es mit dem Grundmythos des Buddhismus zu verdeutlichen – dem nahezu unendlichen karmischen Durchgang durch Leben und Tod, bis schließlich Nirvâna erreicht ist. Schneller geht es – und das nimmt Zen als sein ‚Alleinstellungsmerkmal‘ für sich in Anspruch – wenn wir durch Vertiefung in MU, in das ‚Da ist nichts!‘, mit einem einzigen Blitzschlag aus Schwarzlicht aus allem herausgerissen werden, aus den Dingen (bĕn-lái wú yī wù, ‚im Ursprung ist da kein einziges Ding‘) wie aus uns selbst, im traditionellen Zen die ‚augenblickliche Erleuchtung‘ genannt. Nicht nur schneller, sondern auch gründlicher, weil zugleich auch alles, was uns ausfüllt und ausmacht, mit ausgelöscht wird. Es bleibt in uns eine Leere, die überströmt, so paradox das erscheinen muss; eine Leere, von der als einer unerschöpfliche Fülle zu sprechen sich durch die Kyôto-Schule eingebürgert hat (man denke an Hisamatsu Shin‘ichis ‚Fülle des Nichts‘). Und diese Leere drängt uns – aus eben der Fülle heraus, die ihr innewohnt – voller Überschwang in eine wiedergewonnene Welt, sie mit unserem eigenen Überschwang zu befüllen: ‚Dein ist die Glut, die / Der Welt unterliegt. Du weißt: / Die Schönheit ringsum ist nichts / Als deine Epiphanie.‘ Oder aus demselben Jahr 2000: ‚Nicht stürzt die Schönheit dir / Von draußen ins Herz, ins verzückte; / Du gibst den Glanz, das Glück / Hin an die Wolkengebirge, / Gibst an die Welt den Reichtum, / Deinen Leerheitsgewinn. / Du selbst gibst das Glück, sonst ist keins.‘ Darin spricht sich eine für den Absturz in MU spezifische unspezifische Lebenslust aus – unspezifisch, weil sie nicht aus dem erwächst, was wir jeweils tun, sondern umgekehrt aus uns, aus unserer Leere heraus, unser Tun erfüllt, was immer das sein mag.

 

Das alles läuft – so scheint es nicht nur – eindeutig auf das Gegenteil davon hinaus, ein ‚Lauschender’, ja sogar, nichts als ein ‚Lauschender‘ zu sein. Und doch ist es als Vorstufe dazu unerlässlich. ‚Lebensfreude aus nichts‘ ist das Motto der entsprechenden Phase des Zen-Wegs. Doch diese ekstatischen Aufschwünge werden irgendwann seltener und weniger intensiv; sie verlieren an Macht, uns mitzureißen und in sich aufzusaugen. Es tritt eine Ernüchterung ein, die den Wegfall des Rauschhaften durch eine gelassene Distanz zu uns selbst und unserem Tun und Treiben wettmacht. Das erleichtert es uns, jederzeit, ohne besonderen Anlass, still zu werden und lauschen zu können. Erst jetzt trifft Barlachs ‚Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus‘ tatsächlich auf uns zu – freilich in einem andren Sinne, als Barlach selbst es gemeint hat: Die Stimme, die die Luft zu uns heranträgt, ist keine Stimme, die ihren Ursprung hinter den Dingen hat; es ist vielmehr die Stimme der Dinge selbst. Es ist das eine laut- und wortlose Stimme, die zu erlauschen es nötig macht, von uns selbst abzusehen, leer zu werden, leer zu sein. Was aber sagt uns diese Stimme der Dinge, wenn wir sie denn lauschend empfangen? – Sie sagt nichts; sie erweist sich, und zwar darin, dass sie uns mit Frieden beschenkt, mit dem unverlierbaren Gefühl, inmitten der Dinge aufgehoben, von ihnen erfüllt zu sein: ‚Im Stehen und Lauschen trinkst du, / Trinkst du dich voll mit Welt‘, so ließe sich, mit leichter Abwandlung einer Gedichtzeile aus jüngster Zeit, die Befindlichkeit eines ‚Lauschenden‘ umschreiben.

 

Es ist ein weiter, sich lange hinziehender Weg von den ekstatischen Aufschwüngen aus MU bis zur Stille eines ‚Lauschens‘, das die Vordringlichkeit unseres Ich mit allseinen Wichtigkeiten hinter sich gelassen hat – ein Weg, an dessen Ende wir auch fast schon am Ende des Lebens angekommen sind. Solange können wir, die wir uns noch jung fühlen, mitten im Leben stehend, allerdings nicht warten. Dass wir noch Aufgaben haben und Pflichten, die bewältigt und erfüllt sein wollen, ist dabei nicht der entscheidende Unterschied zum Status des ‚Lauschenden‘, (denn die hat er auch, immer noch). Es ist vielmehr die Intensität, mit der sie uns bedrängen, uns in sie hineinziehen und festhalten.

 

Es muss freilich nicht sein, dass wir in solch praller Lebensmitte überhaupt ein Verlangen verspüren, das stille Glück eines ‚Lauschenden‘ zu erfahren. Andererseits lässt sich nicht ausschließen, dass uns gleichwohl hier und da eine Ahnung davon überfällt, welches Genügen, welche Erleichterung, ja vielleicht sogar, welche Befreiung ein Erlauschen der Welt uns gewährt. Und da haben wir, vom Alter noch weit entfernt, immerhin noch die Möglichkeit, uns auf dem Wege des Mushin – eingangs als eine nahezu unendliche Aufgabe bestimmt – dem ‚Ziel‘, ein ‚Lauschender‘ zu sein (wenn es denn für uns eines sein kann) immer wieder aufs Neue anzunähern.

 

Eines bleibt zum Schluss freilich noch klarzustellen: Wenn wir die neun Figuren, die Barlach in seinem ‚Fries der Lauschenden‘ vor uns hinstellt, in den Blick nehmen, so wirken sie in ihrer Reglosigkeit wie abgestorben. Und doch ist noch Leben in ihnen: Der ‚Blinde‘, die ‚Tänzerin‘, der ‚Bettler‘, der ‚Wanderer‘, die ‚Pilgerin‘, um nur sie herauszugreifen – sie haben noch zu tun: Betteln, wandern, tanzen, das sind Geschäftigkeiten, von denen sie das ‚Lauschen‘ nicht entbindet. Und doch ist das ‚Lauschen‘, ist die Reglosigkeit ihres ‚Lauschens‘ gleichsam der Grundton, der all ihren Tätigkeiten unterliegt.

 

So wäre es auch bei uns – wenn wir denn endlich und wirklich ‚Lauschende‘ wären: von stillem Frieden erfüllt im Innern und zugleich tätig hinein in die Welt.

 

- Dietrich Roloff -