Der alltägliche Geist ist der Weg

von Ueda Sôkei, 16. Großmeister der Ueda Sôko Schule


Der jährliche Herbst-Workshop der Shôinkai-Gruppe (direkte Schüler des Wafûdô) fand am 14. Oktober des letzen Jahres statt. Der Gast-Dozent war <der Zen-Meister> Shôdô Harada Rôshi vom Sôgen-ji in Bizen. Eines der Leitthemen war der Zenspruch: "Der alltägliche Geist ist der Weg."

 

Harada Rôshi erzählte von einem Dialog zwischen <dem Zen-Meister> Nansen (748 - 834) und <dem damals noch einfachen Mönch> Jôshû (778 - 897). Im tangzeitlichen China (618 - 907) wurde Nansen von dem in der Übung stehenden Mönch Jôshû gefragt: "Was ist der Weg?" Worauf Nansen antwortete: "Der alltägliche Geist ist der Weg." Jôshû fragte: "Soll ich mich dem hinwenden oder nicht?" Nansen antwortete: "Sobald Du versuchst, Dich dem zuzuwenden, wendest Du Dich von ihm ab." Jôshû fragte weiter: "Wenn ich nicht versuche, mich ihm zuzuwenden, wie kann ich dann wissen, dass es der Weg ist?" Nansen erwiederte: "Der Weg hat nichts zu tun mit Wissen oder Nicht-Wissen. Wissen ist Illusion. Nicht-Wissen ist ohne Bewußtsein. Wenn du den wahren Weg jenseits aller Zweifel wirklich verstehst, dann ist das genauso, wie die Große Leere durch und durch zu verstehen. Wie kann man da hartnäckig auf "Richtig" oder "Falsch" bestehen?

Mit diesen Worten erlangte Jôshu Erleuchtung und wurde Nansens Schüler. Harada Rôshi fügte hinzu: "Die Leute sagen oft Dinge wie 'bewahre einen gewöhnlichen Geist' und 'handele im Einklang mit der Natur' ", doch ist es allein die kontinuierliche Übung, durch die man einen Einblick in seinen "alltäglichen Geist" erlangt und tatsächlich im Einklang mit der Natur zu handeln vermag.

 

Jedes Jahr im März gibt es eine Tee-Veranstaltung für die Stamm-Spieler des Hiroshima Baseball-Teams (Hiroshima Carp), die von Schülern der Mittel- und Oberschulen der Präfektur Hiroshima gestaltet wird, die auch selber den Ueda Teeweg lernen. Diese Veranstaltung zielt darauf ab, den Austausch zwischen beiden Gruppen zu erleichtern. Durchgeführt wird sie im Shukkei-en Garten, der von Ueda Sôko gestaltet und als Ort der landschaftlichen Schönheit bezeichnet wird. In diesem Jahr fand die Veranstaltung am 8. März statt und war ein großer Erfolg. Ich mag in einer kleinen Weise dazu beigetragen haben, indem ich vor den Spielern einen kurzen Vortrag über den Teeweg gehalten habe. Nach der Veranstaltung haben die Schüler Gelegenheit, den Spielern Fragen zu stellen. Einige Jahre zuvor war Kuroda Hiroki einer der Top-Spieler <der Hiroshima Carp>; er ist nun einer der Top-Spieler der New York Yankees. Ich denke, es war eine Schülerin der Yasuda Oberschule, die Kuroda fragte: "Werden Sie jemals nervös?" Kuroda antwortete: "Ich werde jedesmal während eines Spieles nervös. Das einzige was man tun kann, ist die eigene Nervosität durch tägliche Praxis zu bändigen". Diese aufrichtige Antwort Kurodas machte einen großen Eindruck auf mich.

 

Während einer Tee-Einladung ist es ganz natürlich für Gastgeber und Gäste, nervös zu sein. Tatsächlich sorgt die Spannung in der Luft für eine bessere Veranstaltung. Um den ruhigen Geist, der während einer Tee-Veranstaltung hervorkommt, in vollem Umfang zu genießen, ist sowohl für den Gastgeber als auch für die Gäste fortdauernde Praxis unabdingbar. Ich möchte Sie bitten, die beständige Übung als einen Weg zu nutzen, um sich dem Geist anzunähern, der jenseits von Nervosität und Spannung liegt: dem alltäglichen Geist.

 

(Quelle: 和風, 春2013)