Rezensionen

"Zen - vom Kopf auf die Füße gestellt"

„Der greise Zhao-zhou! Unruhe in den Chan-Klöstern zu stiften – noch im hohen Alter hört er nicht damit auf!“ Mit diesem Motto aus dem Koan 47 des Cong –rong-lu eröffnet Dietrich Roloff seine Übersetzungen von Texten des Chan-Meisters Huang-bo und der Koan des Wu-men-guan, die in einem Band unter dem Titel „ZEN vom Kopf auf die Füße gestellt“ im kleinen und mutigen Windpferd Verlag erschienen sind. Dieses Motto kann auch als Selbstbeschreibung gelten: Dietrich Roloff ist ein ebenso überzeugender Übersetzer wie unerschrockener Zen-Provokateur. Eine gute Kombination. Nach dem Cong-rong-lu und dem Bi-yan-lu legt er nun eine weitere, nicht nur für Adepten empfehlenswerte, Übersetzung bedeutender Texte des klassischen Zen-Kanons vor.

 

Nah am Originaltext bleibend, sprachlich klar und mit verständlich einordnenden Erläuterungen wird in jedem Teil des Buches die Verbindung der intellektuellen Kompetenz des gelernten Philosophen mit der lyrischen Wucht des Literaten spürbar. Zudem überzeugt Roloff im Vergleich mit anderen auf Deutsch vorliegenden Übertragungen dieser Klassiker auch deshalb, weil sich in den gut lesbaren Texten und den – mittels der Metapher der Phasen eines Sprunges - aufeinander bezugnehmenden vier Teilen des Buches auch die Erfahrung eines langjährigen Praktizierenden findet.

 

Überzeugend gelingt so die Zusammenschau des Werkes aus dem Jahr 857 (Teil I: Huang Bo „Anlauf nehmen ...“) mit der Sammlung aus dem Jahr 1229 (Teil II: Wu-men-guan „Schwung holen ...“). Während die bisherigen auf Deutsch erhältlichen Ausgaben einem statisch-metaphysischen Vorverständnis verpflichtet scheinen, hebt Roloff auf die eigenständige, sowohl denkerische wie spirituelle Dynamik der Chan-/Zen-Meister ab. Scheinbar widersprüchliche Aussagen werden nicht mit erwartbaren buddhistoiden Phrasen weginterpretiert, sondern benannt und in ihrer Entwicklung erläutert. Das führt jede Sicht auf Zen als Methode zum Finden letztgültiger Wahrheiten und entsprechendem Lebenshilfepotential ad absurdum, ist zugleich jedoch hilfreich für das Verstehen des Lesers.

 

Teil III, der auf die Übersetzungen bezogene und beide vergleichende Teil des vorliegenden Buches („Sprung“) ist ein Lese- und Erkenntnisvergnügen, bei dem allmählich der scheinbar sichere Boden vorgeblich unverrückbarer Wahrheiten verloren geht und Schritt für Schritt mitvollziehbar wird, wie der Autor - dem Titel seines Buches folgend - den gerne mal esoterisierenden Zen des Westens geschickt vom Kopf auf die Füße stellt. Er nutzt – in Wertschätzung seiner Tradition – das erste Koan des Wu-men-guan: die Frage zum Buddha-Wesen eines Hundes mit der legendären Antwort Zhao-zhous: Wu. Dieses Koan birgt für Roloff die Fundamentalkritik an jeder Form metaphysisch-essentialistischer Spekulation und wird damit zum möglichen Ausgangspunkt für ein Chan/Zen der Gegenwart, das die Erkenntnisse und Erfordernisse der Neuzeit ernst nimmt und sich nicht ängstlich in die Mythen der Vergangenheit flüchtet.

 

Besonders herauszuheben ist, dass Roloff, persönlich der Tradition der Rinzai-shu verbunden, mit seinen gründlichen Erläuterungen auch für Praktizierende der Soto-Linie und anderer Traditionen den Zugang zu Koans öffnet. Die für westliche Anhänger des Chan/Zen sowieso kaum nachvollziehbare Trennung der „Schulen“ (wer wollte sie angesichts der zentralen Bedeutung von Koans in den Texten Dogens ernsthaft aufrecht erhalten) macht er damit en passant endgültig obsolet.

 

Dass Roloff sich nicht scheut, in einem abschließenden Teil IV („Ein längerer persönlicher Rückblick“) seine eigene Entwicklung zur Erfahrung des Erwachens „und darüber hinaus“ zu beschreiben, unterstreicht nicht nur die unbedingte Redlichkeit des Verfassers, sondern bietet allen Interessierten einen Blick in die Abenteuer des WEGES, auf den sich Chan-/Zen-Praktizierende begeben.

 

Wer sich auf dieses Abenteuer einlassen möchte, dem ist dieses Buch sehr zu empfehlen. Denjenigen, die bereits andere Ausgaben des Wu-men-guan/Mumonkan besitzen, sei ein Textvergleich angeraten: Vieles unverständlich-geheimnisvolle Geschwurbel und Geraune klärt sich durch diese gelungene Übersetzung.

 

(Eberhard Kügler)


Dieses neue Buch des ZEN-Meisters und Philosophen Dr. Dietrich Roloff ist ein seltener Glücksfall in dem überbordenden Buchmarkt des heutigen Volks-Buddhismus: Präzise in der Übersetzung und Interpretation der authentischen chinesischen Texte, keiner verengten Übertragungs-Linie verpflichtet, genau im Denken und geschliffen in der Sprache. Aber dieses Buch ist kein Zufall, sondern das Ergebnis genauer unbeirrter Arbeit an den verlässlichen chinesischen Texten über viele Jahrzehnte.

 

Wer wirklich die unverwässerten Kernaussagen des chinesischen Chan und des japanischen Zen studieren und in sein eigenes Leben integrieren will, sollte zu diesem Buch greifen. Er wird eine neue Welt dieser gerade heute hochaktuellen Lehre des Buddhismus betreten: In der Ganzheit von Geist, Körper und Handeln. Wer als buddhistischer Lehrer arbeitet, kann diesen Text kaum beiseitelassen.

 

Ich spreche aus eigener Erfahrung: Wir können es uns heute nicht mehr erlauben, buddhistische Halb-Wahrheiten zu konsumieren, vielleicht sogar gegen Geld: Wohlfeile Versprechen schneller Erleuchtung einiger "Paradox-Redner" sind kein wahrer Zen. Solche Versprechen sind oft mit metaphysischen Heilsversprechen aus vor-buddhistischer Zeit zubereitet. Das ist der Rückfall in mythische Ideologien, die Buddha als Ursache für tiefe Enttäuschungen und Leiden erkannt und überwunden hat. Und auch etablierte religiöse Eliten neigen zur Statik und tun sich schwer mit Veränderung und Emanzipation. Aber gerade textgenaue Kreativität ist heute gefordert.

 

Dietrich Roloffs Ansatz zielt auf die radikale Befreiung und Emanzipation der heutigen Menschen: Kein Abgleiten in Populismus und in den postfaktischen Betrug des Geistes. Dem fühle ich mich tief und ohne Zögern verpflichtet.

 

Denn Buddhas Lehre hat in der großartigen Wechselwirkung mit der chinesischen Lebensweisheit des DAO der Welt-Kultur einen unschätzbaren Schatz erbracht. Diesen für uns verfügbar zu machen ist Dietrich Roloff gelungen.

 

(Prof. Dr. Yudo J. Seggelke, Zenmeister)